Nur noch kurz die Welt retten

1917 ist Arthur Hoffmann der mächtigste Bundesrat der Schweiz. Dann schickt er ein Telegramm nach Russland.

Republikanischer König: Bundesrat Arthur Hoffmann (r.) mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. bei den sogenannten Kaisermanövern von 1912.

Republikanischer König: Bundesrat Arthur Hoffmann (r.) mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. bei den sogenannten Kaisermanövern von 1912. Bild: © Staatsarchiv St. Gallen

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Das Bundeshaus-West ist praktisch verwaist an diesem Sonntagmorgen im Frühsommer. Ein paar Mitarbeiter des Politischen Departements verrichten Pikettdienst, ansonsten ist kaum jemand auf den Gängen zu sehen. Die Stille hat etwas Unwirkliches. Es ist der 3. Juni 1917: Die Welt steht in Flammen, aber in der neutralen Schweiz gelten die Bürozeiten.

Seit drei Jahren stirbt eine Generation auf den Schlachtfeldern in Europa, die Opferzahl geht längst in die Millionen. Was täglich an Frontnachrichten im Bundeshaus eintrifft, liest sich wie die Offenbarung des Johannes in neuer Übersetzung: U-Boote torpedieren Handelsschiffe, Flugzeuge bombardieren Städte, Soldaten verrecken in Giftgaswolken. Apocalypse Now.

Arthur Hoffmann heisst der Bundesrat, der das Politische Departement führt, in dem die Schweizer Aussenpolitik koordiniert wird. Das Parlament hat der Regierung gleich zu Kriegsbeginn weitreichende Vollmachten übertragen, und als Hoffmann wenig später, im Dezember 1914, zur Erneuerungswahl antritt, erhält er 193 Stimmen – bei 193 eingegangen Stimmzetteln. Die Neutralität verteidigt er wortmächtig, ihre strikte Einhaltung überwacht er genau. Er gilt als brillantester Politiker des Landes, als republikanischer König fast. Ein Ausnahmepolitiker in einer Ausnahmezeit.

Die Neue Zürcher Zeitung schreibt 1916 über ihn: «Ein grosses Gefühl nimmt überhand: Das ist der Mann, der jetzt die Geschicke unseres Staates in der Hand hält und der seinen reinsten Willen, seine beste Einsicht und seine letzte Kraft daran setzt, der ungeheuren auf ihm lastenden Aufgabe zu genügen.» Und weiter: «Solange Bundesrat Hoffmann die eidgenössische Politik leitet, wird die Schweiz keinen Finger breit von ihrer Neutralität abweichen!»

Das politische Klima ist schwül, auch ohne Kriegsfeuer im Land.

Grimm in Petrograd

Hoffmann kommt an diesem Sonntagmorgen, 3. Juni 1917, in sein Büro, um möglichst diskret ein Telegramm aufzugeben. Es ist adressiert an die Schweizer Botschaft in Petrograd, wie die Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs heisst – wobei dieses Reich seit Februar keinen Kaiser mehr hat. Die Lage ist unübersichtlich.

Robert Grimm, der linke Nationalrat, treibt sich in Petrograd herum. Dort hat sich nach dem Sturz des Zaren eine Provisorische Regierung gebildet. Grimm kennt einige Minister und will bei ihnen für einen russisch-deutschen Frieden werben. Hoffmann – erzbürgerlich, patriotisch – weiss es, mehr noch: Er findet es gut. «Es besteht eine schweizerische Not nach Frieden», notiert er. «Und dieser Not steht gegenüber ein Recht auf Frieden. Ich weise es zurück, dass der Neutrale nicht berechtigt sei, sich seinerseits um Frieden zu bemühen.» Es ist sein Bekenntnis.

Um 11 Uhr bestellt er den diensthabenden Registrator in sein Büro und gibt ihm den Text, der verschlüsselt telegrafiert werden soll. Er beginnt mit den Worten: «Bundesrat Hoffmann ermächtigt Sie, Grimm, folgende mündliche Mitteilung zu machen.» Damit ist der Informationsweg vorgegeben: vom Bundeshaus-West in Bern über die Schweizer Botschaft in Petrograd und Robert Grimm an die Provisorische Regierung von Russland. Ein geheimer Kanal für geheime Diplomatie.

Hoffmann erklärt, wie er «nach wiederholten Unterredungen mit prominenten Persönlichkeiten» überzeugt sei, «dass Deutschland mit Russland einen ehrenvollen Frieden für beide Seiten» suche – «mit künftig engen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen und mit finanzieller Unterstützung für den Wiederaufbau Russlands». Einigermassen detailliert schildert er die Friedensbedingungen der Deutschen, zu denen er tatsächlich enge Kontakte unterhält. Er verspricht eine «freundschaftliche Verständigung über Polen, Litauen, Kurland unter Berücksichtigung der Eigenart der Völker». Und er setzt hinzu: «Deutschland will keine Gebietserweiterung zum Zweck der Vergrösserung sowie der politischen und wirtschaftlichen Machterweiterung.» Das Telegramm zeichnet er mit: «Politisches Department». Alles wirkt offiziell und korrekt.

Die anderen Bundesräte aber wissen nichts davon, ebenso wenig die Amerikaner, die Briten oder die Franzosen. Hoffmann handelt allein, ohne Auftrag – und das nicht zum ersten Mal. Viermal hat er schon versucht, einen Frieden zu vermitteln, ohne darum gebeten worden zu sein. Einmal lassen ihm die Franzosen ausrichten, sie fühlten sich an die Fabel vom Frosch und dem Ochsen erinnert, wie sie der antike griechische Dichter Aesop erzählt hatte. Der Frosch will gross sein wie ein Ochse und bläst sich auf, bis er platzt.

Es ist als Warnung gedacht, aber Hoffmann ignoriert sie. Er will den Krieg beenden, Frieden stiften – davon träumt er. Am 18. Juni 1917, seinem 60. Geburtstag, platzt dieser Traum. Der Knall ist gewaltig. Das Echo dröhnt bis heute.

Paul Widmer, ehemaliger Schweizer Spitzendiplomat, hat kürzlich die erste Biografie von Arthur Hoffmann veröffentlicht. Es ist das Ergebnis aufwendiger Recherchen: Widmer, ein promovierter Historiker, besuchte Archive und wälzte Literatur, am Ende hatte er praktisch Material für eine zweite Dissertation beisammen. Er kann im Detail schildern, wie «der mächtigste Bundesrat, den die Schweiz je hatte», von St. Gallen aus Karriere machte: zunächst als Anwalt, dann als freisinniger Grossrat und Ständerat.

Die Wahl in den Bundesrat erfolgt am 4. April 1911 mit 186 von 195 abgegebenen Stimmen im ersten Durchgang. Das Prozedere ist nach zwanzig Minuten vorbei. Die Ostschweiz, eine Zeitung des politischen Katholizismus, kommentiert: «Wenn je einmal der Mann nicht das Amt, sondern das Amt den Mann gesucht hat, so ist es hier der Fall.» Der intelligente und fleissige Hoffmann wird auch von politischen Gegnern hoch geachtet.

Sechs Jahre später hat er diesen Ruf zementiert und ist sogar international bekannt. Vor allem zu den Deutschen pflegt er, der Enkel eines Kaufmanns aus Frankfurt, ein enges Verhältnis. Er kennt Kaiser Wilhelm II. und bespricht sich regelmässig mit Freiherrn Gisbert von Romberg, dem deutschen Botschafter in Bern. Man weiss es – und man redet darüber.

Vor allem die Romands beobachten Hoffmann genau. Sie sind Frankreich zugeneigt, während in der Deutschschweiz viele nach Deutschland schielen. Die Schweiz ist ein gespaltenes Land und ihre Neutralität nicht nur ein Schutz gegen aussen, sondern auch gegen innen.

Das Treibhaus

Bern ist in diesen Jahren ein Zentrum der internationalen Diplomatie. Als Karl I., der junge österreichische Kaiser, einen neuen Botschafter in die Schweiz entsendet, sagt er ihm, dies sei der wichtigste Posten, den er zu vergeben habe, denn die Schweiz sei «die einzige Brücke, die heute noch nach dem Westen führt». Die deutsche Botschaft beschäftigt 1600 Angestellte; einige Jahre später, nach Kriegsende, werden es noch 18 sein. Es wimmelt in Bern von Agenten und Diplomaten, sie sind überall, im Bundeshaus, in den Hotels, unter den Lauben.

Gerüchte und Spekulationen wachsen in diesem Treibhaus schnell, und noch schneller machen Fakten die Runde. Aus London meldet die Nachrichtenagentur Reuters, die schwedische Zeitung Socialdemokraten habe ein Telegramm des Schweizer Aussenministers abgedruckt. Darin sei zu lesen, wie der Minister einen Schweizer Parlamentarier in Petrograd beauftragt habe, einen Separatfrieden zwischen Russland und Deutschland einzufädeln – ausgerechnet jetzt, da die USA in den Krieg eingetreten sind und Deutschland bedrängen. Schlägt sich die Schweiz auf die Seite der Mittelmächte um Deutschland? Gibt sie die Neutralität preis? Bern ist plötzlich die hektischste Stadt der Schweiz.

Hoffmann nimmt von Bundespräsident Edmund Schulthess am 18. Juni 1917 noch den Blumenstrauss zum 60. Geburtstag entgegen, dann erklärt er sich. Im Protokoll der Sitzung heisst es: «Herr Bundesrat Hoffmann muss die Wendung als eine sehr ernste ansehen, und zwar sowohl für die innerpolitischen als auch die auswärtigen Beziehungen des Landes.» Und etwas später: «Sein Vorgehen sei ein rein persönliches gewesen, weshalb er auch für seine Person bereit sei, die Konsequenzen seines Schrittes zu ziehen und, wenn dies das Wohl des Landes erfordere, von seiner Stellung zurückzutreten.» Der Bundesrat vertagt sich auf den frühen Abend.

Die Stunden, die jetzt folgen, sind aufregend und aufwühlend und in der Schweizer Politik eigentlich ohne Vergleich. Die Parlamentarier stehen in der Wandelhalle, die Bundesräte reden mit den Fraktionschefs, erfühlen die Stimmung, sammeln Eindrücke. Da wird wild gestikuliert, dort laut ausgerufen. Muss Hoffmann zurücktreten? Müssen die Bundesräte das Vorgehen ihres Kollegen öffentlich verurteilen? Ist noch jemand involviert? Die Spekulationen sind nicht mehr zu überblicken. Bern ist kein Treibhaus mehr, sondern eine Gerüchteküche ohne Dampfabzug.

Um 18 Uhr trifft sich der Bundesrat wieder. Es ist vor allem Bundespräsident Schulthess, ein Freisinniger aus dem Aargau und alter Rivale Hoffmanns, der kategorisch dessen Rücktritt verlangt. Mit Unterstützung der Lateiner setzt er sich durch. Bundesrat Camille Decoppet berichtet, wie ihm ein sonst besonnener Nationalrat zugerufen habe: «C’est la guerre civile!»

Am nächsten Tag um neun Uhr wird Hoffmann der Entscheid eröffnet. Er ist vorbereitet und zieht sein Demissionsschreiben, einen ganzseitigen Brief an den Nationalratspräsidenten, aus der Tasche. Dann muss er das Zimmer verlassen, weil der Bundesrat berät, ob er sich von seinem Mitglied distanzieren soll.

Schulthess ist dafür, andere Deutschschweizer dagegen. Sie finden, Hoffmann sei genug gestraft, so gehe man nicht mit einem verdienten Kollegen um. Es muss abgestimmt werden, was selten genug vorkommt. Das Ergebnis: vier zu zwei Stimmen gegen Hoffmann. Nie ist ein Bundesrat tiefer, nie schneller gefallen.

Im Machtzentrum verführt

Wie kam es dazu? Widmer argumentiert, die Macht habe Hoffman verführt. «In Zeiten des Vollmachtenregimes war er der fähigste Mann im entscheidenden Machtzentrum, dem Bundesrat. Was er sagte, bewirkte viel. Bei dieser Machfülle ist die Versuchung gross, die engen Grenzen, die der Schweizer Aussenpolitik mit ihrer Neutralität als wichtigstem Grundsatz gesetzt sind, etwas zu dehnen.»

Trotzdem bescheinigt er ihm lautere Motive: «Ja, er hatte viel Ehrgeiz. Das war eine der Triebfedern seines Handelns. Aber er war auch ehrlich beseelt, der Schweiz und dem kriegsgeplagten Europa mit seinen Vermittlungsbemühungen zu helfen. Er strebte keinen Separatfrieden als solchen an. Das Endziel musste seiner Auffassung nach ein allgemeiner Friede sein.»

Es ist ein Urteil, das er auf über dreihundert Seiten sorgfältig begründet.

Widmer ist fasziniert von Hoffmann, aber kein Hagiograf. Der Stoff, den er aufspürte, ist schillernd, das Buch, das er schrieb, lesenswert, der Publikationstermin, den er wählte, glücklich: Gestern bestimmte die Bundesversammlung einen neuen Bundesrat, morgen wird der Bundesrat einen Aussenminister ernennen. Wer auch immer das Amt übernehmen wird, wer auch immer davon träumt, zwischen den USA und Nordkorea zu vermitteln – er sollte die Fabel vom Frosch kennen.

Arthur Hoffmann starb am 23. Juli 1927 in St. Gallen. Wie genau sein Telegramm an die Medien gelangte, ist bis heute unklar. Keine Strasse, kein Platz erinnern an ihn. Dafür ein Buch, wie es von dieser Qualität über Bundesräte nur wenige gibt.

Paul Widmer: Bundesrat Arthur Hoffmann. Aufstieg und Fall. NZZ Libro 2017, 384 Seiten, 48 Franken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.09.2017, 11:06 Uhr

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