Die Mär vom mündigen Bürger

Nicht Waffen sind die tödlichsten Artefakte der Zivilisation – die Zigarette ist es.

Todbringender Dunst. Jährlich sterben weltweit sieben Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens.

Todbringender Dunst. Jährlich sterben weltweit sieben Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Bild: Keystone

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«Der Passivraucherschutz in unserem Land geht weit genug», posaunt BaZ-Kolumnistin Tamara Wernli in ihrer reichlich albernen «Ich-bin-jetzt-einfach-mal-aus-Prinzip-gegen-Verbote-und-schau-mal-wie-viele-Klicks-das-bringt»-Glosse über das Rauchen («Verbote stinken», BaZ vom 26. Oktober). Wem er nicht reiche, der könne sich «im hauseigenen Bunker einschliessen».

Rauchen erklärt die resolute Telebaslerin kurzerhand zu einer «Macke». Sie bagatellisiert damit eine suchterregende Droge, deren Abhängigkeitspotenzial vergleichbar ist mit dem von Heroin. Laut dem Bundesamt für Gesundheit und der amerikanischen Food and Drug Administration genügt bereits der Konsum einer einzigen Zigarette, um den «Verlust der persönlichen Selbstbestimmung» herbeizuführen.

Vergilbte Finger

Weltweit erreicht die Zahl der verkauften Zigaretten heuer einen Allzeit-Spitzenwert von jährlich sechs Billionen – aneinandergereiht ergeben diese Zigaretten eine Strecke von der Erde bis zur Sonne und wieder zurück. Jedes Jahr sterben weltweit sieben Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens – mehr als durch Kriege, Aids, Malaria und bei Verkehrsunfällen zusammen. Die Belastung für die Gesundheitssysteme geht in die Milliarden.

Gemäss der ersten globalen Studie der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) über das Passivrauchen von 2010 kostet unfreiwillig eingeatmeter Tabakrauch jährlich mehr als 600'000 Menschen das Leben, darunter 165'000 Kinder, die vor allem in der trügerischen Sicherheit der eigenen vier Wände dem todbringenden Dunst nicht entfliehen können.

Angesichts der Gefahren des Passivrauchens gehört Tabak in eine ganz eigene Kategorie von Drogen. Nicht Waffen oder Bomben sind die tödlichsten Artefakte in der Geschichte der Zivilisation – die Zigarette ist es. Ich erinnere mich nur zu gut an die Diskussionen um das Basler Rauchverbot. Die Volksseele kochte. An verqualmten Stammtischen ballten die Repräsentanten der «vielfältigen Beizenkultur» die vom exzessiven Rauchen vergilbten Finger zur Faust, um endlich mal wieder so richtig auf den Tisch zu hauen.

Um keinen Preis wolle man sich als «mündige Bürger» von «fremden Vögten» ein Rauchverbot «aufoktroyieren» lassen, röchelte es aus schwarzen Lungen. Gleichzeitig lassen sich dieselben «mündigen Bürger» widerspruchslos von einer Industrie zu Süchtigen machen, die industrialisierten und vorsätzlichen Massenmord an der Weltbevölkerung begeht.

Der mündige Bürger bezahlt sogar noch für das Gift, das ihn umbringt. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Raucher ihrer Sucht bereits vor der Volljährigkeit verfallen (von wegen mündig). Flugs standen sogenannte Basler «Meinungsbildner» und opportunistische Politiker – im Volksmund Cervelat-Prominenz genannt – Gewehr bei Fuss, um mit scheinheiligen, pseudo-liberalen «Testimonials» in unseren Tageszeitungen die «Wirte-Initiative» zu unterstützen, die das Rauchverbot erbittert bekämpfte. Eine Initiative, die wissentlich und willentlich die Gesundheit der Basler Bevölkerung aufs Spiel setzte, um «Umsatz zu machen», wie Maurus Ebneter vom Wirteverband auf Telebasel unumwunden zugab.

Krebsverursachende Wirkung

Auch der libertäre Volksgenüssler Beda Stadler meldete sich mit einem für einen emeritierten Professor eher dürftigen Argumentarium zu Wort. «Ein Leben ohne Genuss ist ein verpasstes Leben!», polterte der nach eigener Aussage «schwer nikotinabhängige» Stadler. Als gäbe es nicht unzählige Genüsse, die weder dem Geniessenden noch Drittpersonen Schaden zufügen.

Er habe noch nie einen Totenschein gesehen, in dem als Todesursache «Passivrauchen» stand, spöttelte der streitbare Immunologe. Na ja, genauso wenig wird bei einem Autounfall im Totenschein «Autofahren» als Todesursache angegeben. Velofahrer Stadler fährt «konsequent ohne Helm», er gefährde so höchstens sich selbst, und das müsse man ihm überlassen.

Bei einem Unfall mit schwerer Hirnverletzung wären die Kosten seiner jahrelangen Betreuung in einem Pflegeheim allerdings der Allgemeinheit «überlassen». Die Tabakindustrie hatte schon in den 1940er-Jahren Beweise, dass Rauchen Krebs verursacht. 1953 beschlossen die Chefs der wichtigsten amerikanischen Tabakunternehmen, die Schädlichkeit von Zigaretten konsequent in Abrede zu stellen. Als die wissenschaftlichen Belege für die krebsverursachende Wirkung des Rauchens an die Öffentlichkeit gelangten, versuchte die Industrie, die Forschungsergebnisse zu delegitimieren. Aufklärung als einzige Massnahme gegen eine hochgradig suchterzeugende und vorwiegend tödliche Droge ist aussichtslos. Eltern werden auch nicht bloss aufgeklärt, Spielzeuge mit bleihaltigen Farben von ihren Kindern fernzuhalten, diese Farben sind verboten.

Fatale Entdeckung

Als bekannt wurde, dass Thalidomid (Contergan) zu schweren Geburtsfehlern führt, beschränkte man sich nicht auf Hinweise, den Wirkstoff während der Schwangerschaft zu vermeiden. Thalidomid wurde strengstens reguliert und unterliegt heute amtlicher Überwachung. Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs sollten genauso streng reguliert werden.

Da Zigaretten auf die Erzeugung und Erhaltung einer Sucht ausgerichtet sind, sollte die WHO den Nikotingehalt auf ein Niveau senken, das nicht mehr suchtgefährdend ist. Zumal das Inhalieren von Tabakrauch erst im 19. Jahrhundert möglich wurde, als eine neue Art der Fermentation den Rauch weniger alkalisch machte.

Diese fatale Entdeckung ist bereits für Hunderte Millionen Todesfälle verantwortlich. Ohne drastische Massnahmen könnte sich die Zahl der Tabaktoten im Laufe des 21. Jahrhunderts laut WHO weltweit auf eine Milliarde summieren. Die bestehenden Rauchverbote wirken sich nachweislich positiv auf unsere Gesundheit aus. Genauso wie das Asbest- und das FCKW-Verbot (das Ozonloch verringert sich). Früher oder später wird das Rauchen gänzlich von unserem Planeten verschwinden, und wir werden dieser Sucht ebenso wenig nachtrauern wie der Pest. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.11.2017, 23:28 Uhr

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