Die Psychologie hinter Pilotensuiziden

Warum reisst ein Pilot Menschen mit in den Tod? Ist die Fliegerei nun unsicherer? Das sind Fragen, die sich nach dem tragischen Unglück in Frankreich stellen. Eine Spurensuche.

Pilotensuizide sind äusserst selten: Das Innere eines Airbus-A320-Cockpits. (26. März 2015)

Pilotensuizide sind äusserst selten: Das Innere eines Airbus-A320-Cockpits. (26. März 2015) Bild: Leonhard Foeger/Reuters

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Noch sind die Hintergründe der Tat des Co-Piloten des U49525-Fluges unklar – Zeitungen spekulieren in Bezugnahme auf Nachbarn von möglichen psychischen Problemen des Piloten. Der «Spiegel» weiss aus «Lufthansa-Kreisen», dass der Co-Pilot an Depressionen litt, andere schreiben von «Problemen mit der Freundin». Die «Bild»-Zeitung verweist auf einen angeblichen, sechs Jahre alten Aktenvermerk des Luftfahrtbundesamts, der auf eine mögliche psychische Erkrankung hinweise. Gesichert ist, dass der Co-Pilot seine Ausbildung mehrere Monate unterbrochen hatte, danach aber als «fit to fly», also für flugtauglich befunden wurde. Lufthansa-CEO Carsten Spohr sagte an einer Medienkonferenz, der Grund für den Unterbruch sei nicht ungewöhnlich gewesen.

Dass Piloten hohem Stress ausgesetzt sind, ist ebenfalls bekannt. Der Lebensstil von Piloten erscheine vielen Menschen zwar attraktiv, tatsächlich seien ihre Arbeitsbedingungen «ungastlich» und «unangenehm» – eine konstante psychische Belastung, schreiben drei Wissenschaftler in einem Psychologie-Journal. Der Co-Pilot hätte Zugang zu psychologischer Behandlung gehabt, heisst es bei der Lufthansa. Das Problem: Viele Piloten hätten kein Vertrauen in Psychologen und Psychiater, wie die Forscher schreiben.

Hätte eine psychisch angeschlagene Person Pilot werden können?

Trotzdem gibt es Zweifel an der These: Um überhaupt Pilot bei der Lufthansa werden zu können, muss man kerngesund sein. Die «Solinger Morgenpost» berichtet, dass gerade einmal 7,5 Prozent der eingeladenen Piloten in spe das Bewerbungsverfahren überhaupt bestehen. Auch der Psychiater Daniel Sollberger, Chefarzt der Psychiatrie Baselland, äussert sich gegenüber der «Basler Zeitung» kritisch: «Jemand mit einer schweren Persönlichkeitsstörung hätte es kaum je zum Piloten geschafft.» Trotzdem gibt er aber zu bedenken: «Wenn er den Tod anderer bewusst in Kauf nimmt, zeugt dies von einer erheblichen Aggression, die ihre Vorgeschichte haben muss.»

Weiter geht Gerichtspsychiater Josef Sachs von der Klinik Königsfelden in einem Interview mit dem «Blick»: «Wer auf diese Art Unbeteiligte mit ins Verderben reisst, will, dass die ganze Welt an seinem Leid teilnimmt. Hinter so einer Tat steckt wohl ein Mensch, der sich selbst als sehr bedeutend empfindet.» Er spricht weiterhin von einem «Akt der Verzweiflung», aber auch von einer möglichen «Kränkung», die der Co-Pilot erlitten haben könnte. Ähnliches, aber zurückhaltender, sagt wiederum Sollberger zur «Basler Zeitung». Ein solcher Fall komme nur bei einer narzisstischen Persönlichkeitsproblematik infrage.

Die Wissenschaft bestätigt diese Vermutungen. So schreiben zwei deutsche Forscher in einer Publikation von 2010 ebenfalls, Piloten, die in dieser Art und Weise Suizid begehen, seien Kandidaten für eine solche Diagnose. Sie schreiben gar, narzisstische Persönlichkeitszüge hätten «höchste Wichtigkeit» bei der Wahl dieser Form von Suizid.

Machen jetzt Nachahmungstäter die Fliegerei unsicher?

Weiterhin stellt sich die Frage nach möglichen Nachahmern, eine Angst, die nach medial wirksamen Taten immer wieder umgeht. Der «Blick» zitiert den Aviatikexperten Tim van Beveren: «Wenn man von Leuten berichtet, die sich vor den Zug werfen, gibt es immer Nachahmer. Das könnte auch bei bewusst eingeleiteten Flugzeugabstürzen der Fall sein.» Die Forschung gibt ihm indirekt recht: Der Forscher David Philipps stellte fest, je mehr Medienaufmerksamkeit einem solchen Täter gegeben werde, desto mehr Flugzeugunfälle gebe es. Weniger Sorgen macht sich Daniel Sollberger. Auf die Nachahmerfrage der «Basler Zeitung» antwortet er: «Ich gehe davon aus, dass Piloten gut ausgebildete, ausgewählte und sehr verantwortungsbewusste Persönlichkeiten sind.»

Die Frage, die sich nach diesem Befund stellt: Wie gefährlich wird nun die Fliegerei? Ein Report der Federal Aviation Administration in Oklahoma ergibt: Zwischen 2003 und 2012 gab es 2758 Flugunfälle – davon gerade einmal acht Suizidfälle. Das ist weniger als ein halbes Prozent. Darunter befindet sich kein einziger Linienflug. Dazu kommt noch: Der Report konstatiert, die Flugsuizide hätten in den letzten 20 Jahren abgenommen. Nicht im Report enthalten sind ein Fall von 2013 in Moçambique und der fatale Flug von Barcelona nach Düsseldorf. Letzterer ist für Europa ein Novum. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.03.2015, 11:26 Uhr

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