«Diese Tests sind ein Fehlstart für die Forschung»

Der Bioethiker David Shaw von der Universität Basel verurteilt die Experimente mit genetisch veränderten Babys in China.

«Normalerweise verteidige ich die Forschung der Chinesen»: Der Bioethiker David Shaw. Bild: Universität Basel

«Normalerweise verteidige ich die Forschung der Chinesen»: Der Bioethiker David Shaw. Bild: Universität Basel

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Ein chinesischer Forscher vermeldet die ersten Crispr-Babies, was war ihre Reaktion?
Diese chinesischen Versuche sind äusserst fragwürdig und werfen uns in der Entwicklung zurück. Die Art, wie die Tests vermutlich abliefen, wirft viele ethische Fragen auf. Sehr erstaunlich finde ich auch, was der Forscher zu verändern versuchte: warum HIV?

Warum werfen sie uns zurück?
Noch vor fünf Jahren war der Konsens unter den Forschern, dass man Crispr nicht in der Keimbahn anwenden darf, weil die Folgen für zukünftige Generationen nicht absehbar sind. Das hat sich inzwischen geändert. Nun gibt es Wissenschaftler, die eine Anwendung bei schweren Erbkrankheiten nicht mehr grundsätzlich ablehnen, beispielsweise wenn jemand an Huntington leidet. Doch die Versuche müssten unter ganz anderen Voraussetzungen ablaufen. Eine derartige Aktion wie jetzt gibt den Skeptikern Aufwind. Mit seinem vorschnellen Handeln hat der Forscher also Behandlungsmöglichkeiten für schwere Erbkrankheiten verzögert.

HIV ist keine Erbkrankheit.
Genau. Es ist eine seltsame Wahl. Bei derartigen Versuchen müsste im Vordergrund stehen, dass sie eine schwere Erbkrankheit behandeln, an der das Kind sterben könnte und für die es keine anderen, gut wirksamen Therapien gibt. Die genveränderten Kinder müssten also auf jeden Fall einen medizinischen Nutzen haben. Doch eine Ansteckung mit HIV lässt sich auf anderem Weg verhindern. Die Mädchen hätten sich auch ohne Crispr nicht angesteckt.

Sie lehnen Crispr-Eingriffe in die Keimbahn nicht grundsätzlich ab?
Nein, aber es müssen Versuche sein, die strenge Regeln befolgen. Diese Tests sind ein Fehlstart für die Crispr-Therapien.

Video – Ist er der Vater des ersten Designer-Babys?

Der Wissenschaftler He Jiankui behauptet, vor kurzem seien erstmals Babys nach einer Genmanipulation zur Welt gekommen. (Video: Tamedia/Youtube/The He Lab)

Unklar ist, ob die Testpersonen genau wussten, auf was sie sich einlassen?
Die Studienanlage ist fragwürdig. Normalerweise verteidige ich die Forschung der Chinesen und wehre mich gegen Pauschalverurteilungen. Aber hier scheint es so, als hätte man diese Menschen mit einer kostenlosen Invitro-Behandlung gelockt. Es ist nicht klar, ob sie die als HIV-Positive sonst einfach bekommen hätten.

Die Folgen sind nicht absehbar.
Die Zwillinge können unvorhergesehene medizinische Probleme bekommen, morgen oder in zehn Jahren. Oder Schäden könnten sich sogar erst zeigen, wenn sie einst selbst Kinder bekommen.

Glauben Sie die Behauptungen?
Schwer zu sagen. Sie werden es zumindest versucht haben. Ob sie erfolgreich waren, lässt sich so nicht sagen. Wir hören vielleicht heute bei der Konferenz, bei der Jiankui He in Hongkong auftritt, mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2018, 16:44 Uhr

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