Ein neues Eisenzeitalter?

Sollte die Sache wirklich so einfach sein? Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen – all diese Beschwerden könnten schlicht zu wenig Eisen als Ursache haben.

Mu?de und abgespannt: Eine gehörige Portion Eisen schafft Abhilfe, glauben immer mehr Ärzte.

Mu?de und abgespannt: Eine gehörige Portion Eisen schafft Abhilfe, glauben immer mehr Ärzte.

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Eisenmangel ist ein Reizthema. Es stehen sich zwei Lager gegenüber mit Positionen, die nicht weiter auseinander-liegen könnten: Eisenmangel betrifft nur eine sehr kleine Zahl von Menschen und hat immer eine akute physiologische Ursache wie innere Blutungen. Oder aber: Eisenmangel ist die verbreitetste Geissel der Menschheit überhaupt und macht rund der Hälfte der Weltbevölkerung zu schaffen. Wer hat recht?

So ganz genau weiss das niemand. Klar ist: Vor allem Frauen sind von Eisenmangel betroffen, während der Menstruation und der Schwangerschaft ist ihr Eisenbedarf soweit erhöht, dass er durch die Nahrungsaufnahme nicht immer gedeckt wird. Bei Männern kommt Eisenmangel nur selten vor, meist liegen dann innere Blutungen zugrunde, ausgelöst zum Beispiel durch Magengeschwüre. Schön nach Lehrbuch funktioniert der Befund nur bei der Anämie, der Blutarmut. Diese hat oft einen Eisenmangel zur Ursache, schliesslich besteht das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen zu einem guten Teil aus Eisen. Führt ein Eisenmangel zu Blutarmut, wird kein Arzt zögern, unverzüglich Eisenpräparate zu verschreiben, um die Eisenreserven des Körpers wieder zu füllen. Dieses Krankheitsbild tritt aber tatsächlich nur bei einer kleinen Schar von Patienten auf. Unbestritten ist, dass sich auch ein moderater Eisenmangel, der nicht zu Blutarmut führt, negativ auf die Gesundheit auswirken kann. Bloss ist hier eine klare Diagnose ungleich schwieriger.

Simple Rezepte

Glaubt man manchen Ärzten, ist die Sache einfach: Eisenmangel ist hauptverantwortlich für eine ganze Reihe von verbreiteten Beschwerden. Besucht man die Infoseite eisenzentrum. org, so wird man von einer eindrücklichen Liste empfangen: ADS? Müde? Lustlos? Burn-out? Depressiv? Schwindel? Haarausfall? Kopfschmerz? Schlafstörungen? Nackenverspannung? Konzentrationsstörung? Die simple Antwort, diagnostisch: Sie leiden am «Eisenmangelsyndrom». Die simple Antwort, therapeutisch: Sie brauchen dringend Eisen, und zwar so viel und rasch wie möglich.

Die Schulmedizin tut sich eher schwer mit solch einfachen Zuschreibungen. «Viele dieser Beschwerden, denen angeblich ein Eisenmangel zugrunde liegen soll, sind relativ unspezifisch», sagt Ferdinand Martius vom Kantonsspital Bruderholz. Da sei es schwierig, mit Sicherheit festzustellen, «ob wirklich das Eisen schuld ist», oder ob die Betroffenen eigentlich «ganz andere Probleme» hätten. Die Vertreter einer Eisenkur glauben, den Beweis leicht erbringen zu können: Verschwänden die Beschwerden nach der Verabreichung von Eisen, zeige das den ursächlichen Zusammenhang.

Doch diese Argumentation vergisst den Placeboeffekt. Noch gibt es kaum eine wasserdichte Studie, die die Wirksamkeit einer Eisentherapie bei Eisenmangelbeschwerden ohne Anämie belegen würde, und dementsprechend wird eine offensive Therapie nur von einer kleinen Minderheit von Ärzten propagiert – dies dafür mit umso grösserem Eifer. Der umtriebigste Eisenpapst ist der Binninger Arzt Beat Schaub. Er betreibt auch die oben erwähnte Informationsseite im Internet. Seine Idee vom «Eisenmangelsyndrom» und dessen simplen Therapierbarkeit hat Erfolg: Inzwischen gibt es weltweit schon über siebzig sogenannte Eisenzentren. Meist sind dies Hausarztpraxen, in welchen Eisenlösungen verabreicht werden.

Placeboeffekt könnte erheblich ins Gewicht fallen

Die Eisenzentren-Ärzte sind überzeugt, dass die orale Verabreichung von Eisen wenig wirkungsvoll ist und dass vielen Frauen erst eine Infusion Linderung verschafft. Doch die Infusionen sind umstritten. Durch sie lassen sich zwar unangenehme Nebenwirkungen der oralen Eisenpräparate wie Verstopfung umgehen, doch sind sie noch wenig erprobt. Zudem könnte gerade bei Infusionen der Placeboeffekt erheblich ins Gewicht fallen – Patienten sehen die intravenöse Gabe eines Medikaments gewissermassen als Intensivbehandlung an und sind dementsprechend eher geneigt, an eine fabelhafte Wirkung zu glauben. Ob und wie stark tatsächlich das Eisen in den Infusionen wirkt, versucht Pierre-Alexandre Krayenbühl vom Unispital Zürich herauszufinden. Demnächst will er die Resultate einer Doppelblindstudie präsentieren, bei welcher intravenöse Eisengaben mit einer Salzlösung ohne Wirkstoff verglichen worden sind, dies bei müden Frauen mit knappen Eisenspeicher aber ohne Blutarmut (d.h. mit einer normalen Anzahl an Blutkörperchen). Dabei geht es für Krayenbühl um die Frage, ob Patienten mit Eisenmangel, aber ohne Blutarmut von einer Eisengabe profitieren und wenn ja, wie tief der Ferritin-Wert (siehe Kasten) der Patienten sein muss, damit die Verabreichung von Eisen eine klare Wirkung zeigt.

Zu den Resultaten will Krayenbühl noch nichts sagen, doch sei aus medizinischer Sicht jetzt schon klar, dass man bei einem Ferritin-Wert, der über 50 liegt, genug Eisen habe. «Medizinisch spannend ist die Situation, wenn knapp bis wenig Eisen im Gewebe ist, aber genug rote Blutkörperchen vorhanden sind.» Das sieht auch Martius so. Bei über 50 µg/l Ferritin bestünde kaum Grund zur Sorge, bei unter 30 dürften die Speicher leer sein – dazwischen gibt es eine Grauzone, die viel Raum für medizinische Interpretation lässt. Besonders was diese Grauzone angeht, dürfte Krayenbühls Studie interessante Resultate liefern.

Eisen meist unnötig

Für Schaub und seine Mitstreiter ist aber auch bei einem Ferritin-Wert von über 50 die Lage keineswegs klar. Martius hat Mühe, wenn die Infusionsverfechter von einem «Wohlfühlferritinwert» reden – wenn das Ferritin also zu einem allgemeinen Indikator für Befinden wird. Schaub beispielsweise erachtet einen Ferritin-Wert von 200 als ideal. «Auf diese Weise kann man leicht eine Abhängigkeit von der Eisenbehandlung herbeiführen», sagt Martius.

Normalerweise sollte eine Eisenkur eigentlich gar nicht nötig sein, da sind sich die Eisenspezialisten Martius und Krayenbühl einig. «Wenn man ausgewogen isst, hat man genug Vorräte», sagt Krayenbühl. Das gilt übrigens auch für Vegetarier, es gibt genügend pflanzliche Produkte, die dem Körper Eisen liefern (Spinat gehört allerdings entgegen der landläufigen Meinung nicht dazu). Sind die Speicher doch einmal leer, raten die meisten Experten zu einer Behandlung mit Pillen – erst wenn diese nicht anschlügen, könne man eine Eiseninfusion in Betracht ziehen, meint Krayenbühl. «Die oralen Präparate kennt man gut, zudem sind sie billig», sagt er. Eine Infusionsbehandlung kostet zwischen 500 und 1000 Franken – ein einträgliches Geschäft, sowohl für die Hersteller wie für die Ärzte, die solche Behandlungen anbieten. Eisenpräparate sind im Vergleich dazu spottbillig. Martius beobachtet die Entwicklung an der Infusionsfront aufmerksam. «Die Eisenpräparate sind nun einmal da, vor zehn, fünfzehn Jahren gab es die Möglichkeit der einfachen intravenösen Verabreichung schlicht noch nicht.» Er wünschte sich eine sachliche Erörterung des Themas («die Diskussion ist ideologisch aufgeheizt»), und rät, bis man mehr weiss, zur Sorgfalt. Die Frage sei doch, ob man einfach mal «ungestraft schöppelen» könne oder ob man mit einer neuen Therapieform nicht besser zurückhaltend verfahren sollte. Die Schulmedizin nimmt hier mit gutem Grund eine eher abwartende Haltung ein. Sie hat immer mal wieder Lehrgeld bezahlen müssen, wenn neue Wundermittel allzu bedenkenlos eingesetzt worden sind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.06.2010, 10:55 Uhr

Der Ferritin-Wert

Ferritin wird auch Depot-Eisen genannt. Es handelt sich um einen Proteinkomplex, in dessen Inneren überschüssiges Eisen in Eisenhydroxid-Oxid-Form vorliegt. Je tiefer der Ferritin-Wert, desto leerer sind die Eisenspeicher des Körpers. Welcher Ferritin-Wert einen tatsächlichen Mangel an Eisen anzeigt, ist umstritten. Ebenso die Frage, ab welchem Ferritin-Wert sich reichlich vorhandenes Depot-Eisen schädlich auszuwirken beginnt.

Info-Veranstaltung im BaZ-Cityforum

Am Mittwoch findet im BaZ CityForum eine Informationsveranstaltung zum Thema Eisenmangel statt. Nach einem Fachreferat von Dr. Ferdinand Martius vom Kantonsspital Bruderholz diskutieren Fachleute und Patienten unter der Leitung von BaZ-Chefredaktor Matthias Geering.

Was tun bei Eisenmangel?
Mittwoch, 23. Juni um 18.00 Uhr im BaZ CityForum am Aeschenplatz. Gratis-Eintrittskarten gibts am BaZ-Schalter.

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