Stammzelltherapie stoppt aggressive MS

Kanadische Forscher melden Erfolg im Kampf gegen multiple Sklerose. In Zürich behandeln Ärzte nun die erste Schweizer MS-Patientin mit der Therapie.

Noch ist die Stammzelltherapie von MS mit grossen Risiken belastet. Mediziner hoffen aber, dass sich dies bald änderen wird.

Noch ist die Stammzelltherapie von MS mit grossen Risiken belastet. Mediziner hoffen aber, dass sich dies bald änderen wird. Bild: Janet Kimber (Getty Images)

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Eine neue Therapie für Patienten mit multipler Sklerose (MS) sorgt derzeit für Aufsehen. Sie ist radikal und so wirksam wie keine bisherige Behandlung für die schwere neurologische Erkrankung. Bei der Autoimmunkrankheit greift das Immunsystem körpereigene Zellen in Gehirn und Rückenmark an. Mit einer Stammzelltransplantation gelang es kanadischen Ärzten, diese selbstzerstörerische Reaktion zu stoppen.

Die Resultate der Studie mit 24 Patienten, die unlängst im angesehenen Fachblatt «Lancet» veröffentlicht wurde, sind tatsächlich bemerkenswert: In den sechs Jahren nach der Behandlung ist es bei den Patienten zu keinen erneuten Krankheitsschüben gekommen. Vor der Therapie hatten sie im Durchschnitt 1,2 Schübe pro Jahr. Es liessen sich zudem keine neuen Entzündungsherde in Hirn und Rückenmark finden, berichten die Autoren um Harold Atkins vom Ottawa Hospital in Kanada. Alle Studienteilnehmer litten vor der Studie an einer aggressiven Form von MS und sprachen schlecht auf herkömmliche Therapien an. Ein Patient starb in der Studie an Komplikationen.

«Heilung ist ein grosses Wort»

«Heilung ist ein grosses Wort, doch das neue Verfahren kommt dem zumindest nahe», sagt Roland Martin, Direktor des klinischen Forschungsschwerpunkts MS von Universität, ETH und Unispital Zürich. «Patienten müssen danach keine Medikamente nehmen.» Martin betont aber, dass die Therapie heute noch risikobelastet sei. «Vorerst ist das Verfahren nur für Patienten mit schwerer MS, die eine sehr aktive Erkrankung haben», sagt der Neurologe. Er ist jedoch überzeugt, dass in einigen Jahren das Verfahren so weit verbessert sein werde, dass auch Betroffene mit weniger schweren Verläufen profitieren könnten.

Die Stammzelltherapie für MS-Patienten wird weltweit schon seit einigen Jahren versuchsweise durchgeführt. Laut internationaler Register sind rund 2000 MS-Patienten damit behandelt worden. Die neuen Resultate würden sich in weiten Teilen mit den bisherigen Erfahrungen decken, so Martin. Er hat selbst in Deutschland schon 12 Patienten mit der gleichen Methode behandelt, immer in enger Zusammenarbeit mit Transplantationsspezialisten. Vor fünf Wochen erhielt am Unispital Zürich die erste Schweizer MS-Patientin eine Stammzelltransplantation. «Der Erholungsprozess verläuft bei ihr bis jetzt wunschgemäss», sagt Martin.

Die neue MS-Therapie, welche Martin und die kanadischen Ärzte verwendet haben, ist ähnlich wie das Verfahren, das bei Blutkrebs (Leukämie) verwendet wird. Die MS-Patienten erhalten die Blutstammzellen allerdings nicht von Spendern, sondern aus dem eigenen Knochenmark (autologe Transplantation). Als Erstes müssen die Mediziner die Stammzellen entnehmen. Dabei verwenden sie eine Methode, die mithilfe von Medikamenten die Produktion von Stammzellen und deren Übertritt ins Blut anregt. Dort können die Mediziner sie gewinnen.

150'000 Franken pro Behandlung

Anschliessend startet eine aggressive Chemotherapie, bei der starke Medikamente das Immunsystem komplett zerstören. In der Studie sei es bei diesem Schritt wegen Komplikationen zu dem Todesfall gekommen, sagt Roland Martin. Allerdings sei dies am Anfang der Studie geschehen. «Anschliessend wurde das Protokoll angepasst und damit die Risiken gesenkt», sagt Martin. Nach der Chemotherapie erhalten Patienten die zuvor gewonnenen Stammzellen wieder zurück. Diese bauen dann das Immunsystem wieder auf. Da die Patienten in dieser Zeit gegenüber Erregern völlig schutzlos sind, müssen sie während mehrerer Wochen auf einer Isolierstation leben.

«Die Resultate sind beeindruckend und scheinen die Wirkung von anderen verfügbaren MS-Therapien zu übertreffen», findet auch Jan Dörr, MS-Forscher an der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Die Studie werde die Behandlung von MS verändern, schreibt er in einem «Lancet»-Kommentar. Wegen der hohen Sterblichkeit dürfte dies nicht sofort geschehen. Doch auf lange Sicht könnte sich die aggressive Behandlung bei weniger schweren MS-Verläufen verbreiten.

Die Stammzelltherapie kostet in der Schweiz laut Schätzungen 100'000 bis 150'000 Franken. In Deutschland und Italien rund die Hälfte. «Das ist viel, nicht jedoch im Vergleich zu den neuesten MS-Medikamenten, die heute bis zu 85'000 Franken pro Jahr kosten», betont USZ-Mediziner Roland Martin. Demnächst könnte eine grosse internationale Studie mit rund 120 MS-Patienten begonnen werden, die die Stammzelltherapie mit der besten sonst verfügbaren MS-Therapie vergleicht. Dies würde die Kostenübernahme durch die Krankenkassen begünstigen. Doch sind Pharmafirmen nicht daran interessiert, eine solche Studie zu finanzieren. «Auch der Schweizerische Nationalfonds und Forschungsförderer in anderen Ländern waren bis jetzt ablehnend gegenüber solchen Vorhaben», sagt Martin. Er hofft, dass sich dies nun ändere. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.06.2016, 16:06 Uhr

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