Hintergrund

Todesursache: Krise

In Griechenland, das vor dem Bankrott steht, hat die Zahl der Selbstmorde um 40 Prozent zugenommen. Diese dramatische Entwicklung erfasst auch andere Krisenländer in Europa.

Symbolhaftes Bild für die Toten der Krise: Friedhof auf Kreta.

Symbolhaftes Bild für die Toten der Krise: Friedhof auf Kreta.

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Immer mehr Griechen müssen deutliche Einbussen bei ihren Einkommen hinnehmen, wenn sie ihren Job noch nicht verloren haben. Sie kämpfen mit wachsenden Schwierigkeiten, ihre für den Wohnungskauf oder grössere Anschaffungen aufgenommenen Kredite zu bedienen. Am Schluss des finanziellen Abstiegs steht für viele Betroffene immer öfter der Freitod, obwohl dieser in Griechenland mit einem grossen Stigma verbunden ist.

Als besonders gefährdet gelte die Altersgruppe zwischen 35 und 55, sagt der Psychologe Aris Violatzis in einem Griechenland-Report des «Wall Street Journal». Violatzis arbeitet für die Organisation Klimaka, die eine Hotline für suizidgefährdete Menschen betreibt. «Früher riefen zehn Personen pro Tag an, heute suchen täglich rund 100 Menschen Hilfe.» Viele jener Menschen, die sich das Leben nehmen, seien Männer, die wegen der Krise nicht mehr genug Geld verdienen, um ihre Familien ernähren zu können. «Sie gehen durch eine Identitätskrise, haben das Gefühl, überflüssig zu sein», erklärt der Psychologe. «Gemäss den kulturellen Vorstellungen der Griechen sind sie auch keine echten Männer mehr.»

Suizidzahlen werden weiter steigen

Griechenland gehört traditionell zu den europäischen Ländern mit den niedrigsten Selbstmordraten. Vor der Finanz- und Schuldenkrise lag die Zahl der Selbsttötungen bei 3,5 pro 100'000 Einwohner – im Vergleich dazu liegt der entsprechende Wert in der Schweiz bei 17,5. Seit Griechenland immer stärker in der Krise versinkt, sind die Selbstmordzahlen dramatisch angestiegen. Letztes Jahr verzeichnete das Gesundheitsministerium in Athen eine Verdoppelung der Suizidfälle, also zwei Selbstmorde pro Tag. Und in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres nahm die Zahl der Griechen, die ihrem Leben selbst ein Ende bereiteten, gegenüber derselben Vorjahresperiode um 40 Prozent zu. «Griechenland, Suizid-Alarm wegen der Krise», titelt die italienische Zeitung «Corriere della Sera».

Und ein Ende der Tragödie ist nicht abzusehen. Die Selbstmordzahlen werden steigen, denn es kommen weitere Sparmassnahmen der griechischen Regierung. Das bedeutet: noch mehr bankrotte Geschäfte, noch mehr Arbeitslose, noch mehr emotionale Probleme, die die Menschen fordern und überfordern. Die Krise treibt weitere Menschen in den Freitod.

Nach Griechenland hat Irland die grösste Zunahme der Selbstmordrate

Die Suizidwelle als Folge der tiefen Krise ist allerdings kein griechisches Phänomen, obwohl es im gebeutelten Mittelmeerstaat am stärksten zu beobachten ist. In den meisten europäischen Ländern hat die Finanz- und Wirtschaftskrise die Zahl der Suizide deutlich steigen lassen. Dies zeigt eine Studie von britischen und amerikanischen Forschern, die kürzlich in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht wurde. Insgesamt seien die Selbsttötungen zum Beispiel im Jahr 2009 durchschnittlich um rund fünf Prozent in allen EU-Nationen gestiegen. Im Weiteren zeigt die Studie, dass Länder wie Griechenland und Irland, die mit den grössten Problemen konfrontiert waren, mit 17 und 13 Prozent besonders hohe Zunahmeraten bei den Suiziden verzeichneten. Die jüngsten Angaben aus dem griechischen Gesundheitsministerium lassen vermuten, dass die Selbstmordrate nochmals steigt. Der traurige Trend gilt auch für andere Krisenländer in Europa.

Die Studie warnt auch vor den weiteren möglichen gesundheitlichen Folgen von wirtschaftlich schwierigen Zeiten. So können wirtschaftliche Unsicherheit und finanzielle Probleme die Betroffenen derart belasten, dass langfristig die Zunahme von Herz- und Krebserkrankungen zu erwarten ist. Ausserdem ist davon auszugehen, dass die Zahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depression zunehmen wird. Die Krise kann krank machen. Im Extremfall kann sie aber auch töten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2011, 15:36 Uhr

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In Heraklion, einer Stadt auf Kreta, haben sich drei Personen in kurzer Zeit das Leben genommen. Eine von ihnen war Vaggelis Petrakis. Am Beispiel des 58-jährigen Gemüse- und Obsthändlers veranschaulicht das «Wall Street Journal» in einem Report die Tragödie der einfachen Menschen, die in der politischen Debatte um Rettungsschirme und Sparpakete vergessen gehen.
Vaggelis Petrakis hatte bereits seit einiger Zeit mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Grosskunden wie Hotels und Restaurants bezahlten die Ware von Petrakis mit Checks. Diese nahm die Bank, die ihm einen Hypothekarkredit gewährt hatte, jedoch nur zu einem geringeren Preis entgegen. Nachdem die Bank dem hoch verschuldeten Gemüsehändler gedroht hatte, dessen Haus wegzunehmen, präsentierte Petrakis einen gefälschten Check – der Betrug flog auf, und die Bank erstattete Strafanzeige. Diese Schande war zu viel für den stolzen Mann. In der Absicht, sich zu töten, trank Petrakis Benzin. Er wurde aber noch rechtzeitig von seiner Frau entdeckt. Ein paar Tage später, als er an seine Arbeit auf dem Markt von Heraklion zurückkehrte, verlangte ein Lieferant von Orangen die sofortige Zahlung und beschimpfte ihn als Betrüger. Das war definitiv zu viel für den Markthändler: Kurze Zeit später ging Petrakis auf einen Olivenhain, den er sich hart erarbeitet hatte, und erschoss sich. (vin)

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