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Die Psyche der Privatanleger

Der Verhaltensforscher Thorsten Hens sucht nach psychologischen Mustern im Verhalten von Privatanlegern. So zeigte sich, dass Frauen besser lernen als Männer. Diese lassen sich auch eher hereinlegen.

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Herr Hens, als Behavioural-Finance-Experte erforschen Sie das Verhalten der Anleger. Diese kaufen gerade massenweise Gold, obschon die Inflation tief ist. Handeln sie irrational?
Nein. Die Goldrally basiert auf einem Vertrauensverlust. Die Regierungen haben schlechte Papiere in die Staatsbilanzen übernommen, und jetzt fürchten viele, dass die Schulden durch Inflation zum Schrumpfen gebracht werden sollen. Von daher kann ich die Leute gut verstehen, dass sie Gold kaufen. Sie flüchten in Sachwerte. Das ist rational.

Der Goldpreis ist stark gestiegen. Viele Goldanleger könnten jetzt versucht sein, Gewinne mitzunehmen. Wäre das rational?
Verkaufen, bloss weil man Gewinn erzielt hat, wäre irrational. Man sollte sich nicht auf die Vergangenheit stützen, sondern überlegen, ob es Kriterien gibt, die für einen weiteren, langfristigen Preisanstieg sprechen oder nicht.

Wer handelt irrationaler? Privatanleger oder Profis?
Es gibt eine Studie der Universität von Kalifornien, die sagt, dass Kleinanleger viel irrationaler handeln. Professionelle Anleger haben aber auch Schwierigkeiten. Sie müssen immer in einem guten Licht erscheinen und greifen dafür häufig zu irrationalen Tricks, die unter Umständen zu Verlusten führen. So werden gegen Jahresende noch schnell Aktien gekauft, die besonders gut gelaufen sind, und solche verkauft, die schlecht gelaufen sind. Bloss um im Jahresbericht zeigen zu können, dass man bei diesem und jenem Titel auch dabei beziehungsweise zum Glück nicht dabei ist.

Experten sprechen bei Rohwaren bereits von einem Herdentrieb. Wann kommt es zu Übertreibungen?
Bös gesagt: Wenn man selbst optimistisch wird, ist es wahrscheinlich schon zu spät. Das Wesen der Börse ist eine Spannung zwischen Gier und Panik. Sie ist ein soziales Phänomen, und die Leute lassen sich mitreissen, wenn der Nachbar euphorisch wird. Übertreibungen erkennt man zum Beispiel daran, dass das Kurswachstum immer steiler wird. Normal wachsen Aktienmärkte mit 5 Prozent pro Jahr. Aber wenn es auf einmal 10, dann 15 und dann 40 Prozent sind, dann ist das ein klares Zeichen für eine Übertreibung. Es gibt auch News-Indikatoren. Wir untersuchen gerade, worüber bei Google und Twitter am meisten gesprochen wird. Im letzten Sommer war die Gefahr eines Rückfalls in die Rezession ein solch hochgekochtes, übertriebenes Thema. Heute sind es Gold und die Emerging Markets.

Welches ist der häufigste Fehlervon Anlegern?
Dass man seine Stärken und Schwächen falsch einschätzt. So kauft man häufig nicht das, was man selbst am besten kennt. Ein Chemieingenieur, den ich kenne, hatte alles Mögliche im Depot, nur keine Chemie- und Pharmaaktien. Oder ein IT-Experte, der sich mit IT-Produkten bestens auskennt, aber selbst keine einzige Technologieaktie besitzt. Gleichzeitig macht man dann aber so absurde Dinge wie Stock Picking an der indischen Börse. Wie wenn man etwas von indischen Aktien wüsste!

Wie sind strukturierte Produkte einzuordnen?
Kommt darauf an, wie komplex sie sind. Je komplexer, desto grösser die Gefahr der Illusion. Zum Beispiel bei den Multi-Barrier-Reverse-Wandlern mit einem ganzen Korb an Aktien glauben viele, ihr Risiko sei gut gestreut und deshalb kleiner. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Mit mehreren Aktien ist das Risiko, dass zumindest eine stark sinkt, grösser. Die Leute kauften diese Produkte, weil sie Vertrauen in die Banken hatten und sahen, dass andere das auch taten. Jetzt setzt man wieder auf einfachere Produkte mit Kapitalschutz und limitiertem Gewinnpotenzial. Damit verdient man aber nicht viel. Die Leute leiden eben stärker unter Verlusten, als dass sie sich an Gewinnen freuen. Es gilt die Faustregel, dass ein Verlust von 1000 Franken durch einen Gewinn von mindestens 2000 Franken gutgemacht werden muss, bevor man mit der Anlage wieder zufrieden ist.

Welche Charaktereigenschaft wirkt sich beim Anlegen positiv aus?
Erstaunlicherweise ist es die Fähigkeit, sich aufzuregen. In Studien hat man herausgefunden, dass emotionale Anleger besser abschnitten als die «coolen». Das war erstaunlich, denn zuerst hatte man gedacht, die kühler agierenden seien besser. Emotionen helfen einem offenbar zu lernen. Emotionale Anleger sind per se nicht besser. Aber nach Fehlschlägen sind sie häufiger imstande, sich zu verbessern. Wenn ich einen Fondsmanager aussuchen müsste, würde ich den emotionalen nehmen. Der macht im ersten Jahr dann möglicherweise einen Verlust, bringt über einen längeren Zeitraum aber die bessere Performance.

Haben die angeblich emotionaleren Frauen hier möglicherweise einen Vorteil?
Frauen sind tatsächlich lernfähiger. Wenn man ein riskantes Anlageprodukt einmal ohne, einmal mit Hinweis auf die Risiken präsentiert, dann revidieren Frauen ihre Meinung häufiger, nachdem sie die Risiken kennen, als Männer. Diese beharren oft auf ihrer ersten Entscheidung, selbst wenn sie merken, dass sie auf falschen Annahmen beruht. Frauen sind generell risikoscheuer und skeptischer; Männer lassen sich dagegen eher hereinlegen.

Haben risikofreudige Anleger dafür mehr Erfolg?
Nein. Das Problem ist, dass risikofreudige Anleger oft zu viel Risiko eingehen, ausser Kontrolle geraten und Haus und Hof verspielen. Ein Kollege von mir hat einmal analysiert, welche Kleinunternehmer häufiger pleite gingen als andere. Es waren genau diejenigen, die gesagt hatten: «Wenn ich verliere, muss ich den Turbo einschalten und Extrarisiko fahren.» Dieses Verhalten ist quasi der Königsweg in den Bankrott (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2010, 19:52 Uhr

Thorsten Hens ist Direktor des Swiss Finance Institute der Universität Zürich.

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