«Wir lassen uns viel zu viel gefallen»

Der Kritiker der Alternativmedizin, Edzard Ernst, berichtet in seiner Autobiografie über wirkungslose Heilmethoden, Intrigen und den Kampf gegen einen Schlangenölverkäufer namens Prinz Charles.

«Das Thema Homöopathie ist abgeschlossen»: Edzard Ernst, emeritierter Professor für Komplementärmedizin. Foto: Florian Generotzky

«Das Thema Homöopathie ist abgeschlossen»: Edzard Ernst, emeritierter Professor für Komplementärmedizin. Foto: Florian Generotzky

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In Ihrer Autobiografie berichten Sie von einem Freund, der eine Knochenmark­transplantation ­erhielt. Sein Körper stiess die ­transplantierten Zellen ab, und er starb langsam im Krankenhaus, unter einem durchsichtigen ­Plastikzelt. «Moderne Medizin kann sehr grausam sein», schreiben Sie.
Ich glaube, das erleben wir alle irgendwann einmal in unserem Leben: dass ­jemand, der uns nahesteht, von der Medizin im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode behandelt wird. Und dass diese Behandlung am Ende nicht das Leiden lindert, sondern verstärkt. Was das für die Medizin bedeutet, daran habe ich lange zu knabbern gehabt.

Was bedeutet es denn?
Dass die moderne Hightech-Medizin eben nicht immer im Interesse des Pa­tienten ist. Mein Freund hat enorm ge­litten, und es war nur eine schmerzvolle Verlängerung seines Sterbens.

Ist es da nicht verständlich, dass viele Menschen auf alternative, vermeintlich sanfte Heilverfahren wie Homöopathie oder Akupunktur setzen?
Ich verstehe das ja auch. Aber es ist nicht in Ordnung, dass die Öffentlichkeit systematisch hinters Licht geführt wird, was Risiken und Nutzen dieser Therapien angeht.

In Exeter haben Sie diese Therapien zwanzig Jahre lang ­erforscht – als erster britischer Professor für ­alternative Heilverfahren.
Ja, und als ich 1993 an die Uni Exeter kam, stand ich dem Ganzen noch eher positiv gegenüber.

Kein Wunder. Sie haben als Kind Kneippkuren gemacht und Globuli genommen. Ihren ersten Job nach dem Studium fanden Sie an einem Krankenhaus für Naturheilverfahren in München.
Aber in Exeter habe ich mich den Beweisen geöffnet. Das heisst, nicht nur den Ergebnissen meiner eigenen Forschung, sondern ich habe weltweit die Evidenz zu diesen Themen studiert. Langsam habe ich dann meine Einstellung zum Beispiel zur Homöopathie geändert. Viele Leute glauben, dass das so ein ­Saulus-Paulus-Erlebnis hätte sein müssen, aber das war eine Entwicklung, die sich über Jahre vollzogen hat.

Sie haben klinische Studien gemacht, in denen die Verfahren gegen ­Scheinverfahren getestet wurden. Manche Alternativmediziner ­behaupten, so liesse sich der Nutzen alternativer Heilverfahren einfach nicht prüfen.
Das ist Humbug. Die Leute wollen ganz einfach nicht zu einem endgültigen ­Ergebnis kommen. Viele Menschen behaupten, dass die Wissenschaft nur eine Form der Wahrheit sei, und es gebe viele andere Betrachtungsweisen. Diese Art der Argumentation hat mich immer sehr irritiert. Wenn ich mein Auto gegen einen Baum fahre, dann gibt es nur eine Wahrheit: Es gibt Beulen. Und zu der Frage, ob eine Therapie wirkt, gibt es auch nur eine Wahrheit. Das Thema ­Homöopathie ist abgeschlossen.

Ist es nicht Zeitvergeudung, so etwas überhaupt zu untersuchen?
Wenn eine Therapie von Millionen Menschen weltweit angewendet wird, dann kann man dem nicht begegnen, indem man sie auslacht und sagt, das ist unplausibel. Dann muss man Daten vor­legen, und meines Erachtens sind die besten Daten klinische Studien. Inzwischen gibt es diese, und sie zeigen, dass Homöopathie nicht funktioniert. Aber das ist erst über die vergangenen zwanzig Jahre so gekommen.

Wirkt gar nichts in Naturheilkunde und ­Alternativmedizin?
Doch, ich habe einmal in einer Publikation nur die positiven Dinge rausgestellt. Da sind etwa 20 Therapieformen genannt: vornehmlich Pflanzenheilmittel, aber auch physikalische Massnahmen wie Massage.

Warum schneiden gerade ­Pflanzenheilmittel gut ab?
Viele moderne Medikamente haben eine pflanzliche Basis. Pflanzen enthalten pharmakologisch aktive Moleküle, es ist nicht erstaunlich, dass sie etwas Gutes bewirken können. Gleichzeitig können sie aber auch Schaden verursachen.

Viele glauben, dass ein pflanzliches Mittel nicht schaden kann.
Dabei sind viele regelrecht gefährlich. Chinesische Phytotherapeutika zum Beispiel sind meist Kombinationen. Da weiss niemand, was wirklich mit was interagiert. Oft sind sie mit Schwermetallen verunreinigt, oder es sind chemische Präparate reingemischt. Johanniskraut kann bei Depressionen helfen, aber wenn es mit anderen Medikamenten interagiert, etwa mit Gerinnungshemmern, kann es den Spiegel dieser Medikamente im Blut so stark senken, dass Patienten einen Schlaganfall erleiden. ­

Und alternative Heilverfahren?
Das kommt drauf an. Es sind circa 700 Fälle in der Literatur beschrieben, wo Chiropraktik zu ernsten Komplikationen wie Schlaganfall oder Tod geführt hat. Dabei hat dieses Verfahren keinen bewiesenen Nutzen. Homöopathie oder Bachblüten sind eigentlich unschädlich, weil nichts drin ist. Aber wenn diese Verfahren bei ernsten Erkrankungen eingesetzt werden, wird es gemeingefährlich. Ich kenne den Fall einer Homöopathin, die sich selbst umgebracht hat, indem sie ihren bösartigen Hautkrebs nur mit Globuli behandelt hat.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch Ihre Erfahrungen als Professor an der Universität Wien. Dort sei so viel intrigiert worden, dass Sie angefangen haben, die Telefonate heimlich aufzuzeichnen.
Diese Intrigen waren aus zwei Gründen furchtbar: Erstens haben sie viel Zeit gekostet. Und zweitens: Man muss mitspielen und gerät dabei immer weiter in diesen Sumpf hinein. Dass ich so mein professionelles Leben verbringen sollte, war eine düstere Aussicht. Aber man gibt eine Professur in Wien nicht einfach so auf. Ich war da die grosse Ausnahme, und es hat ja auch für einen Skandal ­gesorgt, als ich da weggegangen bin.

Sind Sie ein Querulant?
Ich denke, dass es eine positive Eigenschaft ist, wenn man Dinge, die nicht ­tolerabel sind, auch nicht toleriert. Wir lassen uns viel zu viel gefallen.

England war für Sie immer ein Sehnsuchtsort. Aber gerade dort haben Sie den grössten Gegner und Ihre grösste Niederlage erlebt.
Ich sehe England immer noch sehr positiv. Aber ja, ich bin dort leider an einen Gegner geraten, der so viel Einfluss hat, dass ich meine Waffen strecken musste. Das war Prinz Charles.

Sie haben ihn als ­Schlangenölverkäufer bezeichnet . .
Er ist Besitzer einer Firma, die drei ­phytotherapeutische Tinkturen auf den Markt gebracht hat, unter anderem eine Detox-Tinktur. Diese Detox-Geschichten waren schon immer auf meiner schwarzen Liste. Die Vertreter sind nicht einmal in der Lage, zu sagen, welches Toxin denn aus dem Körper eliminiert wird. Und zu sagen: «Nimm dieses Mittelchen, das entgiftet deinen Körper», ist Unsinn. Da habe ich Charles als Schlangenöl­verkäufer bezeichnet.

Sie sind in den vorzeitigen ­Ruhestand gegangen, Ihre Abteilung wurde aufgelöst. Hat sich das alles gelohnt?
Ich denke schon. Es hat ungeheuer viel Spass gemacht. In den 20 Jahren gab es keine Routine, jeden Tag konnte ich ­etwas dazulernen.

Was ist es für ein Gefühl, 20 Jahre Therapien zu untersuchen, die grösstenteils nicht wirken?
Ein negatives Ergebnis ist ja nichts Schlechtes. Wenn ich jemandem sage, dass er sich das Geld für seine Globuli sparen kann und dass er ernste Erkrankungen sicherlich nicht mit Homö­opathie behandeln sollte, dann mache ich ja etwas Positives. Ein Forschungsergebnis ist immer positiv, wenn es dem Patienten hilft. Und es hilft dem Pa­tienten schon, wenn man ihm sagt: Das solltest du lieber nicht tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2015, 18:23 Uhr

Edzard Ernst

Forscher mit Ecken und Kanten

Der deutsche Mediziner ist einer der ­profiliertesten Kritiker der Alternativmedizin. Er forschte von 1993 bis 2011 als Professor für Komplementärmedizin an der britischen University of Exeter. Davor besetzte er einen Lehrstuhl an der Universität Wien und behandelte auch mit komplementär­medizinischen Methoden. Seine Autobiografie ist soeben erschienen. (TA)

Edzard Ernst, Nazis, Nadeln und Intrigen, JMB-Verlag, S. 250, ca. 28 Fr.

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