Antibiotika gegen Trauma

Forscher der Uni Zürich zeigen, dass Doxycyclin schmerzhafte Erinnerungen dämpft. Und: Den gleichen Effekt erzielt das Computerspiel «Tetris».

Bild: John Cole, The Scranton Times-Tribune/Cagle.com

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Nach schrecklichen Erlebnissen entwickeln viele Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Sie erleben den Unfall, die Vergewaltigung, das Erdbeben oder den Bombenangriff in der Erinnerung immer wieder und leiden psychisch stark darunter. Die PTBS ist nicht leicht zu behandeln. Psychotherapien sind nicht immer erfolgreich. Forscher der Universität Zürich haben nun ein Medikament entdeckt, das dabei helfen könnte, belastende Erinnerungen abzuschwächen.

Fündig geworden ist das Team um Dominik Bach, Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik, nicht bei den Psychopharmaka. Erfolg versprechend zeigte sich viel mehr ein Antibiotikum. Der Grund dafür ist ein erst kürzlich entdeckter Mechanismus der Erinnerungsbildung: Damit das Gehirn Erinnerungen im Gedächtnis ablegen kann, braucht es gewisse Enzyme zwischen den Nervenzellen. Die Aktivität dieser Enzyme hemmt das Antibiotikum Doxycyclin.

Negative Reaktionen zu zwei Drittel abgeschwächt

In einem Versuch mit 80 Freiwilligen testete Bach das Medikament, das Ärzte normalerweise gegen Atemwegsinfektion oder Blasenentzündungen verschreiben. Eingeteilt in zwei Gruppen, bekamen die Freiwilligen leicht schmerzhafte elektrische Reize verpasst. Gleichzeitig sahen sie eine bestimmte Farbe. Die eine Gruppe schluckte vor dem Experiment 200 mg Doxycyclin, die Kontrollgruppe nur ein Placebo. Die Placebo-Gruppe zeigte sieben Tage nach dem schmerzhaften Erlebnis, wenn sie die Farbe gezeigt bekamen, verstärkte Schreckreaktionen. Bei der Gruppe, die das Antibiotikum eingenommen hatte, waren die negativen Reaktionen um zwei Drittel abgeschwächt. «Damit zeigen wir erstmals, dass Doxycyclin das emotionale Gedächtnis abschwächt, wenn man es vor einem negativen Erlebnis einnimmt», sagt Bach.

Allerdings lassen sich die meisten traumatischen Erfahrungen nicht im Voraus planen. Trotzdem hoffen die Forscher, dass diese neuen Erkenntnisse helfen könnten, gezielt Medikamente gegen die PTBS zu entwickeln. Ausserdem vermuten sie, dass Doxycyclin eventuell auch im Nachhinein eine gewisse Wirkung entfalten könnte. Die Zürcher planen weitere Tests.

Einen innovativen Ansatz verfolgen auch schwedische Forscher am Stockholmer Karolinska-Institut bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie fanden heraus, dass das simple Computerspiel «Tetris» dabei helfen kann, eine PTBS zu verhindern. Betroffene sollten «Tetris» idealerweise nicht all zu lange nach dem schlimmen Erlebnis über eine längere Zeitdauer spielen.

Auch dieser Ansatz baut darauf auf, wie unser Gehirn Erinnerungen abspeichert. In den Stunden nach einem Trauma verknüpfen sich die Bilder des Geschehens mit der Erinnerung an die heftige Angst, die es begleitete. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, den Betroffene immer wieder durchleben. Sie erinnern sich an die abgespeicherten Bilder und lösen damit gleichzeitig die mit ihnen verbundenen schrecklichen Gefühle immer wieder aus.

Gamen behindert das Gehirn dabei, traumatische Bilder abzuspeichern

«Tetris» ist ein einfaches Computerspiel, bei dem der Spieler herunterfallende geometrische Formen so anordnen soll, dass jeweils ganze Reihen entstehen und sich dann auflösen. Je länger das Game dauert, umso schneller fallen die Steine herunter. «Tetris» fordert eine hohe Konzentration. Ebendiese Konzentration und die Bilder des Spiels behindern das Gehirn dabei, die traumatischen Bilder gleich gut abspeichern zu können. Die schwedischen Forscher testeten ihr Verfahren an 71 Patienten in einem englischen Spital in der Notfallaufnahme. Alle Patienten hatten einen Autounfall hinter sich. Die Hälfte dieser Patienten sprach sechs Stunden nach dem Unfall mit einem Psychologen. Er bat sie, sich an den Unfall zu erinnern, dann bekamen die Patienten das Spiel «Tetris» erklärt und sollten es eine gewisse Zeit lang spielen.

Nach einer Woche hatte die «Tetris»-Gruppe 62 Prozent weniger Flashbacks an das traumatische Ereignis als die Kontrollgruppe. Die Psychologieprofessorin Emily Holmes möchte die Ergebnisse in einer grösseren Studie überprüfen. Eine der Herausforderungen wird sein, Menschen, die gerade ein traumatisches Erlebnis hinter sich haben, zum «Tetris»-Spielen zu überreden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2017, 18:54 Uhr

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