«Eine Pandemie ist auch heute noch möglich»

Basels Spitalhygiene-Leiter Andreas F. Widmer erklärt, warum die Grippe immer noch sehr gefährlich ist.

Historische Aussmasse. Oakland hatte 1918 so viele Grippepationene, dass sie die Kranken ins Auditorium auslagern mussten.

Historische Aussmasse. Oakland hatte 1918 so viele Grippepationene, dass sie die Kranken ins Auditorium auslagern mussten.

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BaZ: Der Höhepunkt der Grippewelle dieser Saison wurde in der zweiten Januarwoche erreicht. Die Grippefälle sind nach wie vor in allen Regionen weit verbreitet. Herr Widmer, Sie sind Professor und stellvertretender Chefarzt der Klinik für Infektiologie & Spitalhygiene am Universitätsspital Basel. Wie schützt sich das Personal des Unispitals gegen die Grippe?
Andreas F. Widmer: Mit Hygiene natürlich, mit Informationen und gezielten Schulungen des Personals und der Besucher, mit einer adäquaten Infrastruktur, einer raschen und zuverlässigen Diagnostik und einer Grippeimpfung.

Wie viele Angestellte lassen sich am Unispital impfen?
Wenn wir eine grosse Aktion machen, in der wir das Kader bitten, sich mit jenen Personen auseinanderzusetzen, die sich nicht impfen wollen, kommen wir auf knapp 35 Prozent. Sonst liegt der Durchschnitt bei 28 bis 31 Prozent.

So wenig?
Das ist viel! Andere Spitäler haben eine Rate von 15 Prozent. Und das nur, weil sich rund 70 Prozent der Ärzte impfen lassen. Beim Pflegepersonal sind es in der Regel zwischen 15 und 20 Prozent.

Warum lassen sich nicht mehr Spitalangestellte impfen?
Vor rund sieben Jahren haben wir 3'500 Fragebögen an die Angestellten des Spitals geschickt, um herauszufinden, warum sich manche nicht impfen lassen. Oft war die Antwort: Wir haben ein Recht, krank zu sein – ein Argument, dass ich nicht nachvollziehen kann. Es geht um Selbstbestimmung, um den eigenen Körper, viele sagen sich, sie lassen sich nicht vereinnahmen von einer Organisation und schon gar nicht von Ärzten. Emotional kann ich das verstehen: Wir haben viele Auflagen wegen dem Spardruck im Gesundheitswesen, und die Spitalangestellten müssen diese Auflagen erfüllen. Dann kommt etwas wie die Impfung, die eine gewisse Freiwilligkeit erlaubt, und ich denke, viele Leute sagen sich: bis hierher und nicht weiter. Rational kann ich das jedoch – die Impfung beim Personal schützt die Patienten – nicht nachvollziehen.

Die USA reagieren radikal. Da heisst es schnell mal: Wer sich nicht impft, verliert den Job.
So etwas ist in der Schweiz nicht erlaubt. Das neue Epidemiegesetz verbietet diesen Zwang explizit ausserhalb Krisensituationen, also wenn zum Beispiel Ebola oder die Pocken die Schweiz heimsuchen würden. Ich halte es aber für unethisch, wenn ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin nicht gegen Röteln oder Masern geimpft ist, oder die Krankheit durchgemacht hat, und in der Gebärabteilung arbeitet. Sie gefährden die Mutter, das ungeborene Kind und sich selbst: Masern im Erwachsenenalter sind eine sehr schwere Erkrankung. Aber juristisch kann man nichts machen.

Wie sind Sie nach Auswertung dieser Fragebögen vorgegangen?
Wir realisierten, dass wir unsere Strategie diesem Widerstand anpassen mussten und suchten Alternativen. Eine davon war, dass wir alle Masken während der Influenza-Saison tragen. Und das hat funktioniert. Heute haben die Angestellten zwei Möglichkeiten: entweder sich impfen zu lassen oder eine Maske zu tragen. Diese Masken sind bei uns im Spital Alltag geworden.

Bringen diese Masken wirklich etwas?
Diese Masken wurden ursprünglich für die Chirurgie entwickelt, um den Patienten während der Operation mit einer offenen grossen Wunde vor dem Chirurgen zu schützen, nicht umgekehrt. Sie sind nicht geprüft virendicht, aber eine zertifizierte virendichte Maske zu tragen bedeutet einen grossen Widerstand beim Atmen, und finanziell ist sie fast nicht tragbar. Aber wir haben letztes Jahr, als die Spitäler mit Grippepatienten überrannt wurden, eine interessante Erfahrung gemacht: Wir haben eine Art Epidemie-Station eingerichtet. An den schlimmsten Tagen hatten wir 62 zusätzliche Grippe-Patienten auf dieser Abteilung hospitalisiert. Da während dieser Zeit nicht nur das Grippevirus, sondern auch viele andere zirkulierten, beschlossen wir, dass auf dieser Station alle eine Maske tragen müssen. Und dann verglichen wir, was die Krankheitsausfallrate beim Personal bei dieser Epidemiestation gegenüber einer vergleichbaren anderen Station der Klinik ist. Die Ausfallquote des Personals war geringer in der Epidemiestation als bei der vergleichbaren Station.

Wegen der Masken?
Ja. Die Masken sind zwar nicht perfekt, aber sie schützen, und wenn das Personal in der Epidemiestation im Durchschnitt weniger erkrankt als in einer anderen vergleichbaren Station, dann lohnt es sich doch, eine solche zu tragen. Ein indirekter Beweis, dass diese Masken Personal und Patienten schützen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden bis zu 80 Prozent der Infektionskrankheiten mit den Händen übertragen. Während der Schweinegrippe war das Händeschütteln verboten. Davon hört man nichts mehr.
Wir haben damals sehr viele Patienten befragt. Die meisten gaben an, dass sie sich daran störten, dass die Belegschaft ihnen die Hand nicht mehr reichte. Sie fühlten sich wie Aussätzige behandelt, wie Menschen, die nahe am Grab sind. Da spielt ein hoher psychologischer Faktor mit. Viele sagten sich, halt, das ist nicht das richtige Spital für mich, da werde ich nicht freundlich behandelt und als Persönlichkeit respektiert. Deshalb sagten wir uns, wenn wir die Hände desinfizieren, dann ist das Virus innerhalb von zehn Sekunden komplett tot. Wenn wir die Händedesinfektion propagieren können, dann können wir weiterhin Hände schütteln, ohne Patienten vor den Kopf zu stossen. Wir mussten die Balance finden zwischen dem, was der Patient erwartet und dem, was uns vor Krankheit schützt. Das hat sich sehr gut bewährt. In fast 80 Prozent der Fälle desinfizieren Spitalangestellte nun ihre Hände. Zudem haben wir die Anzahl Handdesinfektionsspender massiv vergrössert, und die Technik der Händehygiene vereinfacht: ein grosser Erfolg. Aber wir sahen, dass es trotzdem vereinzelt Patienten gab, die erkrankten, die sich wahrscheinlich im Spital angesteckt hatten.

Für Sie inakzeptabel.
Absolut. Beim genaueren Nachforschen entdeckten wir eine grosse Lücke im Hygienewesen: die Besucher. Viele bringen ihre Kleinkinder mit, und Kinder bis zu vier Jahren haben ein schlechtes Immunsystem. Sie husten viel grössere Keimmengen hinaus als Erwachsene: Kinder scheiden bis zu 100 Millionen Viren aus, Erwachsene hingegen um 100'000. Deshalb haben wir Plakate aufgestellt, dass Kleinkinder während der Influenza-Saison nicht im Spital auf Besuch kommen. Aktuell kontrollieren wir am Eingang dieser Epidemie-Abteilung die Einhaltung dieser Empfehlung. Das kam aber nicht gut an. Da musste ich sagen, ihr wollt geschützt sein und erwartet vom Spital, dass es viel für diesen Schutz unternimmt, und dann kommt so ein kleines Wesen mit hohem Ansteckungspotenzial herein – das macht einfach keinen Sinn.

Was passierte dann?
Damals führten Zeitungsartikel zu einem Umdenken bei den Besuchern. Medien können hier am meisten bewegen. Wir hatten fast 50'000 Franken investiert, damit das Personal sich impfen lässt. Wir haben für teures Geld einen Batchleser installiert, da legt man den Batch drauf und ist identifiziert – neutral, ohne Namen, aber man sieht, diese Person wurde geimpft. Das sind Sicherheitsüberlegungen für den Mitarbeiter und nicht, um ihn zu denunzieren. Wer einen Kleber hat, wurde geimpft, wer keinen hat, muss eine Maske tragen.

Wurde das vom Personal akzeptiert?
Am Anfang auch nicht, aber jetzt ist es kein Problem mehr. Auch da halfen die Medien. Als Personalverbände plötzlich in Medien öffentlich Stellung beziehen mussten, warum ihre Mitglieder sich nicht mehr impfen lassen, führte das zu einem Umdenken, und die Verbände haben die Impfung erfreulicherweise offiziell empfohlen. Retrospektiv hat das mehr aus meiner Sicht mehr gebracht als unsere eigenen Aktionen.

Würden Sie auch Privatpersonen Masken empfehlen?
Unbedingt, vor allem, wenn sie gewisse Symptome haben und jemanden im Spital besuchen wollen. Wir möchten ja, dass die Menschen auf Besuch kommen, Besuch ist wichtig und hilfreich für Patienten. Aber man will während der Influenza-Saison nicht ein zusätzliches Risiko eingehen. Wir haben vermehrt Besucher, die freiwillig eine Maske tragen. Das freut mich. Sie sehen heute auch häufig asiatische Touristen, die selbst am Bahnhof eine Maske tragen: Diese sind jedoch häufig von minderer Qualität: Wir haben für das Unispital die besten Masken ausgewählt.

Und ausserhalb des Spitals, in einer Firma?
Wenn jemand Symptome hat, den Schnupfen etwa, ist die einfachste Variante, eine Maske zu tragen. Sie ist nervig für den, der sie tragen sollte, aber – und das zeigen Studien aus den USA – die Ausfälle von Personal in einem Betrieb nehmen merklich ab, wenn die Leute eine Maske tragen. Oder sich impfen lassen. Am besten beides.

Aber man liest doch immer wieder, dass die Impfung genau gegen jenen Stamm Viren, der umhergeht, nichts nützt.
Die Impfung ist 50 bis 80 Prozent wirksam. Aber die Wirksamkeit nimmt zu, wenn man sich jedes Jahr neu impfen lässt.

Wieso kann man den Impfstoff nicht wirksamer berechnen?
Die Viren zirkulieren zuerst in Australien, meistens im Februar. Heute kann jede Mutation nachverfolgen. Im Verlauf des Februars empfiehlt die WHO in Genf den Pharmafirmen, welchen Impfstoff sie gegen diese oder jene vier Subtypen des Virus produzieren sollen. Dieser Prozess dauert ungefähr sechs Monate. Das Virus mutiert aber in dieser Zeit weiter. Dann braucht man noch zwei bis drei Monate fürs Produzieren, für die Logistik – kurz: Wir sind fast neun Monate hintendrein. Es ist wie in der Lotterie: Manchmal passt der Impfstoff genau auf den Virus, und manchmal stehen wir völlig im Kraut draussen, weil sich ein anderes Virus durchgesetzt hat. Dieses Jahr hatten wir Glück, er passt sehr gut, zumindest für diejenigen, die wie hier am Universitätsspital Basel den vier-valenten Impfstoff verwendet haben. Vielleicht haben wir auch deswegen nur die Hälfte der Patienten wie in der Saison 16/17.

Ist eine Pandemie wie die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 über 25 Millionen Menschen umgebracht hat, heutzutage überhaupt möglich?
Ja, klar. Vielleicht nicht mehr ganz in diesem Ausmass. Die Influenza führt zu einer schweren Virus-Erkrankung, die schwächt das Immunsystem ganz massiv. Dazu kommen noch rund eine Million Bakterien in Mund und Nase, und das ist fatal. Zudem hatten wir in den letzten Jahren meistens den H3N2-Virus und seine Subtypen, die uns zwar krank machen, aber etwas Immunität haben wir immer noch dagegen. Wenn jetzt hingegen plötzlich ein H4-Virus käme, dann hätten wir null Schutz. Das Immunsystem braucht in der Regel zehn Tage, bis eine gezielte Immunreaktion die Krankheit kontrollieren kann. Bis dann hat so ein Virus schon Tausende Zellen umgebracht. Darum die grosse Angst.

Dann war die Angst bei der Vogelgrippe berechtigt?
Ja. Ich denke, heutzutage wird eine Grippewelle nicht so schwer ausfallen wie damals die Spanische Grippe, weil die Komplikationen besser behandelbar. Schwere, teils tödliche Pneumokokken, Blutvergiftungen, kommen typischerweise nach einer Grippe vor, auch Herzinfarkte sind nach Grippe häufiger. Diese Komplikationen der Grippe können wir heute viel besser behandeln. Aber der ökonomische Schaden, den eine solche Grippe auslösen kann – das sind Dutzende von Milliarden von Franken. Das haben wir bei Sars gesehen. Wir haben damals 2003 diskutiert, schliessen wir jetzt die Uhren- und Schmuckmesse? Damals bin ich zu Herrn Regierungsrat Conti und habe ihm gesagt, die Menschen aus China, die den Virus eventuell in sich tragen, sind ja schon seit einer Woche da. Es hatte wenig Sinn mehr, die Messe zu schliessen, da die Personen aus dem Sarsgebiet schon angereist waren. Zürich hingegen schloss ihren Teil der Messe – und seither war die Uhren- und Schmuckmesse nie mehr in Zürich. Die Basler Strategie wurde dann auch vom Bund später unterstützt. Die betroffenen Chinesen sind bis heute wütend, und der wirtschaftliche Schaden für Zürich ist heute noch spürbar. Die Basler Uhren-und Schmuckmesse setzt Milliarden Franken während dieser Woche um – einen Teil davon wäre in Zürich gewesen. Darum müssen wir Infektionskrankheiten per se, aber auch aus rein wirtschaftlichen Gründen bekämpfen.

Eine letzte Frage: Man liest oft, dass Flüchtlinge viele Viren einschleppen. Stimmt das?
Nein. Eben wurde in Deutschland eine grosse Untersuchung abgeschlossen, bei der man diese Menschen auf multiresistente Keime getestet hat, und es stellte sich heraus: Wir haben mehr mulitresistente Keime in unseren Poulets, als was Flüchtlinge nach Deutschland mitbringen. Einzig die multiresistente Tuberkulose stellt ein Problem dar, die muss man im Auge behalten.

Wie macht man das?
Regelmässig diese Menschen durchchecken: Die Frühdiagnose ist wichtig, und das läuft in Basel sehr gut. Da die Diagnose einige Tage braucht, kann es vorkommen, dass der Asylbewerber vom Zentrum schon auf die Kantone verteilt ist, etwa im Wallis. Wenn wir jetzt wirklich etwas mit wenigen Schritten verbessern wollen, ist ein zentralisierter Informationsfluss wichtig. Der Föderalismus ist ein Problem, wenn es um Epidemien geht. Auf europäischer Ebene ist das geregelt mit der ECDC, dem European Centre for Disease Prevention and Control, in Stockholm. Europäisch läuft also die Zentralisierung – nur ist die Schweiz nicht dabei. Bei den Europakarten, wo die Häufigkeit der Resistenzen auf dem Internet publiziert wird, gibt es ein grosses weisses Loch: die Schweiz. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.02.2018, 09:53 Uhr

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