Nur die bessere Geschichte schlägt Fake-News

Mehrere Studien zeigen, wie falsche Informationen sich im Gehirn festsetzen – und was man dagegen tun kann.

Je nach politischer Gesinnung werden wissenschaftliche Erkenntnisse anders gewichtet: Protestaktion gegen Genmais.

Je nach politischer Gesinnung werden wissenschaftliche Erkenntnisse anders gewichtet: Protestaktion gegen Genmais. Bild: Andreas Gebhard/Keystone

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Die Toten weigern sich, in ihren Gräbern zu ruhen. Sie wühlen sich immer wieder zurück an die Oberfläche, geistern durch die Welt und verbreiten Angst und Schrecken. Wer sind diese Zombies? Es handelt sich um falsche Informationen, um diskreditierte Aussagen, Mythen, Lügen, Gerüchte oder Fake-News, die schon so oft widerlegt wurden, dass sie längst die ewige Ruhe hätten finden müssen. Doch, so beweisen öffentlicher Diskurs und Studien, Fehlinformationen sind kaum aus der Welt zu schaffen.

Forscher um Man-pui Sally Chan von der University of Pennsylvania legen nun in «Psychological Science» eine Meta-Analyse des Forschungsstandes zur Frage vor, wie diskreditierter Unsinn aus den Köpfen zu verbannen ist. Die deprimierende Antwort lautet: Es handelt sich um eine schier unmögliche Aufgabe; und die Vorschläge der Psychologen sind kaum in die Praxis zu übertragen. Trotzdem stecken in der Meta-Analyse wertvolle Ideen – insbesondere dazu, wie Menschen Informationen überhaupt verarbeiten und erinnern.

Das Gedächtnis, so betonen die Autoren, sei kein reines Speichermedium, in dem Inhalte abgelegt und alte, überholte Aussagen einfach gelöscht werden, ohne Spuren zu hinterlassen. Stattdessen nisten sich Informationen dort nachhaltig ein. Jedes Mal, wenn Vorstellungen abgerufen werden, setzt dies eine Kaskade in Gang. Bei diesen kognitiven Prozessen werden Erklärungen für die eigene Haltung bemüht oder erst gefunden, scheinbar passende Beobachtungen bedacht und auf diese Weise tiefer in den Geist integriert – natürlich stark vereinfacht gesprochen.

Mit Sachlichkeit gegen den Unsinn

Werden nun Aussagen, die durch das Internet geistern und eine breite Öffentlichkeit erreichen, lediglich als «falsch» gekennzeichnet, ist damit aus psychologischer Sicht nur ein winziger Schritt gegangen. Falsche Informationen, so schreiben Psychologen um Stephan Lewandowski im Fachjournal «Memory and Cognition», «üben einen dauerhaften Einfluss auf Gedächtnis und Denken aus, selbst wenn die Aussagen klipp und klar widerrufen wurden».

So haben viele Experimente gezeigt, dass zurückgezogene Informationen weiterhin wirken, selbst wenn den Beteiligten klar ist, dass diese falsch waren. In diesen Versuchen legen Forscher Probanden zum Beispiel Schilderungen von Unglücken oder Verbrechen vor und präsentieren einen Täter oder eine Ursache. Wenn sie diese später widerrufen, stellen sie meistens fest: Die Erklärungen wirken noch immer, obwohl alle wissen, dass sie falsch sind. Doch der Geist lässt sich nicht davon befreien.

Statt nur «Stimmt nicht!» zu rufen, sollte eine Geschichte erzählt, eine alternative Erklärung angeboten werden.

Aussagen nur als falsch zu kennzeichnen, löscht diese also nicht aus dem Gedächtnis. Diese Strategie entspricht eher einem Kommando, nicht mehr an etwas zu denken – ein Ding der Unmöglichkeit. Die Psychologen um Chan leiten daraus die Empfehlung ab, die Korrektur von Fehlinformationen umfangreich zu gestalten. Statt nur «Stimmt nicht!» zu rufen, sollte eine Geschichte erzählt, eine alternative Erklärung angeboten werden, die das Gerücht im Geist gleichermassen verdrängt. Das klingt leichter, als es ist – und die Psychologen um Chan schreiben: «Zügeln Sie Ihre Erwartungen.»

Eine ähnliche Richtung schlägt ein weiterer Vorschlag ein, den die Forscher machen. Korrekturen sollten keine Gedanken in Gang setzen, die eine Fehlinformation verteidigen. Doch dummerweise geschieht im menschlichen Geist in der Regel genau dies. Wird zum Beispiel eine falsche Vorstellung zur Gefahr des Impfens korrigiert, aktivieren Impfgegner eben andere Gründe, mit denen sie ihre noch immer ablehnende Haltung untermauern. Wie das also funktionieren soll? Das verraten die Forscher nicht, der Kampf gegen alternative Fakten gleicht leider einem Eiertanz.

 Wissenschaftliche Ergebnisse werden von beiden Seiten des politischen Spektrums abgelehnt – stets dann, wenn sie im Gegensatz zu den eigenen weltanschaulichen Ansichten stehen.

Es beginnt schon damit, dass Fakten nicht für jeden den gleichen Wert haben. Das zeigen Psychologen um Anthony Washburn in einer weiteren aktuellen Studie in «Social Psychological and Personality Science»: Wissenschaftliche Ergebnisse werden von beiden Seiten des politischen Spektrums abgelehnt – stets dann, wenn sie im Gegensatz zu den eigenen, lange gehegten weltanschaulichen Ansichten stehen. Im rechten Lager lässt das Publikum Daten nicht gelten, wenn diese etwa die Existenz des Klimawandels unterstützen; im linken Lager werden hingegen alle Abwehrmechanismen aktiviert, wenn Forscher die Sicherheit gentechnisch-veränderter Nahrungsmittel belegen. Wenn Daten nicht zu einer relevanten Meinung passen, lassen wir sie nicht gelten – wir alle, egal ob links oder rechts.

Der gleiche Mechanismus wirkt bei der Korrektur von Fake-News: Diese stützen ebenfalls oft eine Weltanschauung. Ihre Korrektur gleicht daher meistens einem Frontalangriff auf die Weltsicht und das Charakterfundament eines Menschen. Am Ende müsste die Wahrheit emotional so attraktiv erzählt werden, dass sie die bessere Geschichte ist – und wilde Mythen endlich ihre letzte Ruhe finden können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 14:47 Uhr

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