Uni Basel fordert neue Menschenrechte

Der Missbrauchs von Neurotechnologie gefärde den letzten Ort vollkommener Privatheit: Unser Gehirn.

Neue Technologien verlangen nach neuen Menschenrechten fordert die Uni Basel.

Neue Technologien verlangen nach neuen Menschenrechten fordert die Uni Basel. Bild: Keystone

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Mit verschiedenen Methoden lassen sich Hirnaktivitäten in Echtzeit messen und daraus Schlüsse ziehen. Dies kommt längst nicht nur in Forschung und Medizin zum Einsatz, sondern auch in Marketingstudien oder beim Militär. Angesichts der Fortschritte in diesem Feld fordern Forscher der Unis Basel und Zürich neue Menschenrechte gegen den Missbrauch solcher Technologie.

«Die Gefahr des Missbrauchs von Neurotechnologie, um an private Daten zu gelangen, ist durch die technologischen Fortschritte stark gewachsen», ist Doktorand Marcello Ienca von der Universität Basel überzeugt. Deshalb hat er gemeinsam mit Roberto Andorno von der Universität Zürich im Fachblatt «Life Sciences, Society and Policy» vier neue Menschenrechte für das Zeitalter der Neurotechnologie formuliert, wie die Uni Basel am Mittwoch mitteilte.

Die vorgeschlagenen Ergänzungen zu den bestehenden Menschenrechten sind demnach das Recht auf mentale Privatsphäre, kognitive Freiheit, psychologische Kontinuität sowie eine Erweiterung des bestehenden Rechts auf geistige Unversehrtheit. Unter die mentale Privatsphäre fällt beispielsweise, dass bei Neuromarketingstudien sichergestellt werden solle, dass sämtliche Daten gelöscht werden, die nicht eindeutig dem Zweck der Studie dienen.

Schutz vor Zwang und Verletzung

Das Recht auf kognitive Freiheit solle sicherstellen, dass niemand gezwungen werden darf, neuronale Daten preiszugeben, hiess es weiter. «Das ist wichtig, weil zum Beispiel Soldaten in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen und sich schlecht gegen Missbrauch wehren können», sagte Ienca gemäss der Mitteilung. Auch seien sich ältere Menschen, die ebenfalls von den Entwicklungen der Neurotechnologie profitieren, der damit verbundenen Risiken oft nicht bewusst.

Das Recht auf psychologische Kontinuität würde den Schutz vor ungewollten Persönlichkeitsveränderungen durch Neurotechnologie sicherstellen. Schliesslich schlagen Andorno und Ienca vor, das bereits bestehende Recht auf geistige Unversehrtheit zu erweitern, um die durch Neurotechnologie entstandenen neuen Möglichkeiten der physischen oder psychischen Verletzung einzuschliessen. Darunter fiele beispielsweise das Hacken von Neuroimplantaten.

Rückschlüsse aus Hirnmustern

Viele Aspekte unseres Denkorgans sind nach wie vor rätselhaft, aber dank nichtinvasiver Methoden wie Elektrenzephalografie (EEG) oder Magnetresonanztomografie können Forscher Aktivitätsmuster im Gehirn beobachten und Rückschlüsse ziehen, was diese Muster zu bedeuten haben.

Ein intensiv beforschtes Feld sind beispielsweise auch Gehirn-Computer-Schnittstellen (brain computer interfaces BCI), die in erster Linie Gelähmten helfen sollen, Roboterprothesen oder Rollstühle zu bewegen, oder - in den schwersten Fällen - sich überhaupt zu verständigen.

Aber auch Unternehmer Elon Musk und Firmen wie Samsung, Apple und Facebook haben Gehirn-Computer-Schnittstellen für sich entdeckt und arbeiten daran, dereinst die Interaktion mit künstlicher Intelligenz, dem Smartphone, Tablet oder Notebook per Gedanken zu ermöglichen. Beispiele für Steuerung mittels Gedanken gibt es bereits aus der Unterhaltungselektronik in Form von Headsets, um Computerspiele zu steuern.

Zugang zu intimen Informationen

Dass diese Technologie alles andere als sicher vor Missbrauch ist, zeigten US-Forscher im vergangenen Jahr. Über in Apps platzierte Bilder und die Messung der Reaktion über die Hirnsignale liessen sich beispielsweise private Informationen über sexuelle Orientierung und religiöse Einstellung gewinnen. Bereits legal eingesetzt werden solche Hirnaktivitätsmessungen auch im Neuromarketing, um die Reaktion von Probanden auf Produkte und Anreize zu messen.

Ausserdem interessiert sich das Militär für neurowissenschaftliche Methoden, beispielsweise um Gedächtnisprozesse und Aufmerksamkeit von Soldaten zu messen oder posttraumatische Störungen durch Hirnstimulation zu behandeln, wie die Uni Basel schrieb.

Wenn diese Neuerungen mehr und mehr Einzug in die Gesellschaft halten, könnten zunehmend Daten zu unseren Gehirnaktivitäten gesammelt und online verfügbar werden, fürchtet Ienca. «Damit durchbrechen wir quasi eine letzte Grenze, denn das Gehirn war bislang der letzte Ort vollkommener Privatheit.» (pre/sda)

Erstellt: 17.05.2017, 13:40 Uhr

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