Von Parasiten und Menschen

Der Kampf gegen Malaria ist immer auch ein Wettlauf gegen die Zeit – Nahaufnahmen aus Kenia und Basel.

Ein gefährlicher Stich. Die weibliche Anopheles-Mücke verbreitet die Malaria-Parasiten. Die Zahl der Krankheitsfälle ist zuletzt wieder angestiegen.

Ein gefährlicher Stich. Die weibliche Anopheles-Mücke verbreitet die Malaria-Parasiten. Die Zahl der Krankheitsfälle ist zuletzt wieder angestiegen. Bild: Joachim Pelikan

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Malaria ist eine alltägliche Begleiterin in Kenias Nordwesten und mit ihr kommt der Tod. Im Kombewa County Hospital kennen die Ärzte und Schwestern ihren Gegner und sind vorbereitet. Wer sich in dem Spital nahe Kisumu, der drittgrössten Stadt Kenias, behandeln lässt, muss bis zu 20 Minuten Wartezeit mitbringen, wie auf einem Schild vor dem Hauptgebäude zu lesen ist. 20 Minuten, die den Unterschied zwischen Fieber, Krämpfen, Organversagen und dem Leben machen. Wertvolle Zeit, die Kosten für die Medikamente übernimmt der Staat. Nur wenige Kilometer von der Ansammlung gemauerter Häuser mitten im fruchtbaren Grün entfernt liegt der Victoriasee. Die Region ist in Afrika mit am stärksten von der lebensbedrohlichen Krankheit betroffen, deren Ausbruch einst auf schlechte Luft zurückgeführt wurde, die «mal’aria» gab der Krankheit im 17. Jahrhundert in Italien ihren Namen.

Malaria ist heute eine Krankheit, die zum Rückzug gezwungen wurde – diese Aussage war lange Zeit zutreffend. 2016 kam es allerdings zu einem Anstieg um schätzungsweise fünf Millionen Fälle, wie es im Dezember erschienenen «Malaria Report» der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heisst. Für den langjährigen früheren Leiter des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts in Basel, Marcel Tanner, ist Malaria «noch immer einer der grössten Killer der Welt». Die WHO spricht von «einem Scheideweg bei der Bekämpfung von Malaria». Ihr jüngster Bericht über die Malaria-Bekämpfung sollte als Weckruf für die internationale Gemeinschaft verstanden werden. Laut dem Papier ist die Welt nicht auf dem richtigen Weg, um die angestrebten Zwischenschritte zu erreichen. Fraglich ist laut Experten vor allem, ob genügend Geld von den Regierungen bereitgestellt wird und ob die internationalen Organisationen effizient genug zusammenarbeiten, um Malaria bis ins Jahr 2030 zu eliminieren.

Über 216 Millionen Erkrankungen

Das Ausmass der Fieberkrankheit in Zahlen: 216 Millionen Malaria-Fälle sind in insgesamt 91 Ländern aufgetreten. 445 000 Menschen starben 2016. 80 Prozent der Todesfälle verteilen sich demnach auf 14 Länder aus Afrika sowie Indien. Vor allem Kinder sind von der durch Moskitostiche übertragbaren Krankheit bedroht. Weltweit stirbt statistisch betrachtet noch immer alle zwei Minuten ein Kind an Malaria.

Christine hält ihren Sohn Modric im Arm. Sie teilt sich mit fünf weiteren Müttern ein Krankenzimmer im Kombewa County Hospital, das die Ausmasse eines Schweizer Klassenzimmers hat. Die Betten sind durch Vorhänge abgetrennt. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln hängt in der warmen Luft. Für Modric ist es bereits die zweite Malaria-Erkrankung in seinem Leben. Der Dreijährige drängt sich an seine Mutter, während Bernhards R Ogutu sein Krankenblatt studiert.

«Keine leichte Episode», sagt der Mediziner und Pharmakologe. Bernhards R Ogutu arbeitet als Forschungschef für das Kenia Medical Research Institute, kurz Kemri, einen der wichtigsten Akteure im Kampf gegen Malaria in Kenia. Die Medikamente wirken bei Modric zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise bereits. Häufig wird das Novartis-Präparat Coartem verschrieben. 850 Millionen Einheiten des Medikaments sind bislang in Umlauf gebracht worden, heisst es beim Basler Pharmakonzern. Coartem ist eine Kombinationstherapie unter anderem mit dem Pflanzenstoff Artemisinin, der in den Blüten und Blättern des Einjährigen Beifusses vorkommt. Ein Kraut, das vor allem in China und Vietnam angebaut wird. Es gilt als eines der wirksamsten Medikamente gegen Malaria. Noch.

Grenze zwischen Leben und Tod

Zeichnen Mediziner Landkarten, dann meist, um die Grenzen zwischen Leben und Tod kenntlich zu machen. Die Landkarte der Malaria-Resistenzen, wie sie 2016 im New England Journal of Medicine von einer internationalen Forschergruppe veröffentlicht wurde, sieht auf den ersten Blick vermeintlich freundlich aus. Fast alle Malaria-Gebiete sind grün markiert. Doch ein Brandherd sticht rot markiert ins Auge: Im Süden Thailands, in Kambodscha und Vietnam haben sich Resistenzen gegen Artemisinin-Präparate entwickelt. Über die Ursache gibt es einige Theorien. Möglicherweise waren es hohe Antibiotika-Dosen zur Zeit des Vietnamkriegs, die Malaria-Parasiten besonders anpassungsfähig gemacht haben. Vielleicht ist es die natürliche Auslese, die Mutationen mit sich brachte. Tatsache ist, die resistenten Malaria-Parasiten machen nicht an den Grenzen halt.

«Es wäre eine Katastrophe, wenn sich in Afrika Resistenzen bilden»Bernhards R Ogutu, Mediziner und Pharmakologe

Von Kambodscha nach Kenia sind es 13 Flugstunden. Zu weit für einen einzelnen Moskito. Doch das Auftreten von Malaria-Resistenzen ist nicht vorhersehbar, die Variationen der Natur können auch in Afrika auftreten. Wissenschaftler wie Bernhards R Ogutu oder den Basler Marcel Tanner beschäftigt die Frage, wann die Resistenzen auch an anderen Orten der Welt auftauchen, und sie wollen darauf vorbereitet sein. «Es wäre eine Katastrophe, wenn sich in Afrika Resistenzen bilden», sagt Ogutu. Vom Spital in Kombewa mit seinen niedrigen Gebäuden und Wegen aus gestampftem Lehm muss er lediglich in wenigen Schritten die staubige Strasse überqueren und er ist dem Kampf gegen Artemisinin-Resistenzen auch in Kenia ganz nah – im Kombewa Research Center.

Weltweit wird derzeit eine klinische Studie mit dem Wirkstoff KAF156 von Novartis durchgeführt, der zu einer neuartigen Klasse von Wirkstoffen gehört, der rasch und wirksam die Parasiten abtöten soll. Auch im Forschungszentrum von Kombewa wird der neue Wirkstoff aktuell an Patienten getestet – anfangs noch auf seine Verträglichkeit und in einem zweiten Schritt auf seine Wirksamkeit. Wissenschaftlich unterstützt und begleitet wird die weltweite Testreihe unter anderem auch vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut. Das Institut führt seit Jahrzehnten gemeinsam mit Novartis, der WHO sowie mit Medicines for Malaria Venture, die das Vorhaben wissenschaftlich und finanziell unterstützen, und vielen anderen Partnern den Kampf gegen Malaria.

Dem Wirkstoff KAF156 schreibt Novartis das Potenzial zu, Malariainfektionen auch bei resistenten Erregerstämmen zu beseitigen und obendrein die Übertragung der Erreger zu blockieren. Noch mindestens fünf Jahre dürfte es dauern, bis das Medikament auf den Markt kommt – sollten alle Studien positiv verlaufen.

Risiko für Resistenzen

Möglicherweise reicht die Zeit, möglicherweise rinnt sie den Forschern auch durch die Finger: Noch haben sie die besseren Karten, wenn man den Stellungnahmen der WHO glaubt. Fast alle Patienten, die mit Artemisinin-resistenten Parasiten infiziert sind, werden derzeit vollständig geheilt, wenn sie mit einer Kombinationstherapie behandelt werden – «sofern das Partnerpräparat in diesem Gebiet hochwirksam ist», wie die Weltgesundheitsorganisation einschränkt. Bei der WHO wird die Resistenz unter anderem auf schlechte Behandlungspraktiken und auf die unzureichende Einhaltung der Antimalariamassnahmen durch den Patienten zurückgeführt – Risiken, die überall dort verstärkt auftreten, wo es den Menschen an Geld, gesundheitlicher Versorgung oder schlicht Wissen mangelt.

Weitere Gefahren liegen darin, dass noch immer Behandlungen weit verbreitet sind, die nur auf einen Wirkstoff, in diesem Fall Artemisin, setzen, statt auf die Kombination in Arzneimitteln. Zudem werden immer wieder Fälle bekannt, bei denen minderwertige oder sogar gefälschte Formen des Medikaments, die schlecht produziert oder gestreckt wurden, auf den Markt kommen – oder bei denen Arzneimittel entdeckt werden, die gar keine Wirkstoffe enthalten. Probleme, die immer wieder auch in Kenia auftreten, wie Nathan Mulure berichtet, der für Novartis das Social Business in Ost- und Südafrika verantwortet.

Lediglich drei Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt und fast 60 Prozent unter 25 Jahre.

In Kenia leben 47 Millionen Einwohner, davon rund vier Millionen in Nairobi. Um die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung zu skizzieren, genügen einfache Beispiele: Nur einer von vier Einwohnern hat Zugang zu Elektrizität. Lediglich drei Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt und fast 60 Prozent unter 25 Jahre. Der Victoriasee ist im Ökosystem von Kenias Norden zentral – «der Regen bringt Fluch und Segen über die Menschen», sagt Nathan Mulure, der selbst aus der Region stammt. Er ist bereits über 40-mal an Malaria erkrankt. «You fear it», sagt er in einem Restaurant in Kisumu, von dessen Terrasse aus der See in Sichtweite ist. Die Furcht vor Malaria ist allgegenwärtig, meint er.

Liebesspiel mit Folgen

Die Krankheit trägt in Kenias Lokalsprache keinen besonderen Namen, sie ist einfach präsent mit ihren Symptomen: Der Kopf dröhnt bei jedem Herzschlag und alle drei Stunden wechseln sich Hitzewellen und Schüttelfrost ab, die durch den Körper jagen. «Es ist ein nuklearer Krieg im Körper», beschreibt Nathan Mulure – und der Körper verliert diesen Kampf immer wieder, besonders gegen Plasmodium falciparum, jene Erreger, die als tödlichste Malaria-Parasiten gelten. Einmal im Körper, zerstören sie die roten Blutkörperchen und verstopfen so die Blutbahn, sagt Mulure.

Es sind solche Beschreibungen, die rund um Kisumu aus jedem Moskito einen potenziellen Todesboten machen. Dieser trägt einen klingenden Namen: Anopheles-Mücke. Anopheles ist das griechische Wort für schädlich und nutzlos. Überträger der Krankheit sind die weiblichen Exemplare. Die summenden Plagegeister stechen nach der Befruchtung auf der Suche nach Protein Tiere oder Menschen. Auf diese Weise gelangen die Parasiten ins Blut.

«Die Moskitos? Die sind unschuldig», sagt der Mediziner Mulure über den Wettlauf zwischen Menschen und Parasiten.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Reise nach Kenia auf Einladung von Novartis. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.04.2018, 10:12 Uhr

Bis 2040 soll Malaria eliminiert sein

Am Weltmalariatag wird auch in der Schweiz an den Kampf gegen die Krankheit erinnert.

Die Swiss Malaria Group organisiert den Abschluss einer Veranstaltungsreihe in Genf. Am Samstag war in Basel auf das Ausmass der Bedrohung durch Malaria aufmerksam gemacht worden.

Im Vorfeld des Weltmalariatages bekräftigten zahlreiche Unternehmen während eines Malaria-Gipfels am Treffen der Regierungschefs des Commonwealth in London, dass sie sich in Zukunft verstärkt für die Eliminierung der Fiebererkrankung einsetzen wollen. So hat Novartis angekündigt, in den kommenden fünf Jahren 100 Millionen Dollar in die Erforschung und Entwicklung der nächsten Generation von Malariamedikamenten investieren zu wollen. Das Unternehmen kündigte zudem an, eine gerechte Preisstrategie einführen zu wollen, um den Patientenzugang zu maximieren, sobald die neuen Therapien verfügbar seien.

Die Agrochemieunternehmen BASF, Mitsui Chemicals, Sumitomo Chemical Company und Syngenta wollen ebenfalls dazu beitragen, Malaria bis 2040 vollständig auszurotten. Die Unternehmen sagten in London ihre Unterstützung bei der Entwicklung neuer Lösungen zur Kontrolle der Moskitoverbreitung zu. Die Branchenkooperation wird unter anderem durch Fördergelder der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert. Insektizidbehandelte Bettnetze mit Langzeitwirkung und Sprühanwendungen für Innenräume bleiben demnach die effektivsten und kosteneffizientesten Massnahmen zur Malariaprävention.

Mobiles Spital. In Kenia sind mobile Kliniken im Auftrag von Novartis im Einsatz, die Patienten unter anderem bei Malaria behandeln. (Bild: Patrick Griesser)

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