Basel wird für den Lachs zur tödlichen Falle

Auf der ganzen Länge des Rheins wurden für viel Geld Fischtreppen gebaut. Die nützen allerdings nur in eine Richtung. Auf dem Rückweg werden die Lachse zu Tode gehäckselt.

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Der Lachs soll zurück in den Oberrhein. Davon träumt die Schweiz und investiert Milliarden. Jetzt konnte sogar Frankreich zur Mithilfe mobilisiert werden. Mit Fischtreppen, -liften und Umgehungsgewässern werden die zahlreichen Kraftwerke umschwimmbar gemacht, die dem Fisch heute den Weg vom Atlantik zurück zu seinen angestammten Laichplätzen versperren. Das bedeutet viel Aufwand. Umso eher klingt, was jetzt kommt, wie ein schlechter Witz: Einmal im Oberrhein, kann der Wanderfisch nicht mehr zurück. Er wird in den Turbinen zerhackt.

Treppen und Lifte funktionieren nämlich nur in eine Richtung. Schwimmt der Lachs stromabwärts Richtung Atlantik, folgt er dem stärksten Strom und landet in den Turbinen der Kraftwerke. «Ein kleiner Prozentsatz geht mit den Schiffen durch die Schleusen, aber das sind Glückstreffer. Der Rest kommt in den Häcksler», sagt Chris Lohner, Inhaber der Firma Flyfish­ing unlimited. Das bestätigt auch Hans-Peter Jermann, kantonaler Fischereiaufseher: «Die Mortalität ist sehr hoch.» Lösungsvorschläge hat niemand. «Da ist nun die Wissenschaft gefordert», sagt Jermann, «was es sein könnte, wissen wir aber noch nicht.» Umsetzbare Resultate sind keine absehbar.

Ins Verderben gelockt

Gemäss dem Lachsprogramm der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins für 2020 sollte der Weg rheinaufwärts frei werden. Aber: «Den Abstieg bis dahin sicher zu gestalten, ist ein sehr ehrgeiziges Ziel», weiss Jermann. Eine Lösung innert nützlicher Frist ist nicht zu erwarten. So werden die finanziell aufwendigen Massnahmen rund um die Fischgängigkeit des Rheins statt zum Hilfsmittel zur tödlichen Falle.

Warum also der ganze Aufwand? «Irgendwann muss man anfangen, sonst passiert nie etwas», sagt Jermann. Er wolle «lieber jetzt etwas machen, als gar nichts bewegen, und aus der Praxis lässt sich grosses Know-how gewinnen». Lachse sind Wanderfische. Sie laichen im Rhein und leben im Atlantik. Im Verlauf ihres Lebens schwimmen sie also mehrmals den Rhein hoch und wieder runter. Es gleicht einem Todeskommando, ihnen den Weg an einen Ort frei zu machen, von dem sie lebend nicht mehr wieder wegkommen. «Wenn viele Fische runter schwimmen, kommen auch mehr heil durch die Turbinen, und dementsprechend mehr wieder zurück», so Lohner.

Vorerst wird also nach dem Prinzip operiert: Je mehr wir haben, desto mehr können wir auch opfern. Dabei keimt die Hoffnung, dass die Fische den Weg über Fischtreppen, Umgehungsgewässer, Schiffsschleusen und bei Hochwasser auch über den Wehrüberfall finden. Doch da spielen Glück und Zufall eine zu grosse Rolle. Einen weiteren Grund führt Lohner an: Die Gesellschaft habe viele Tiere vertrieben und möchte diesen nun die Rückkehr ermöglichen. Gleich wie mit dem Lachs verhalte es sich beispielsweise mit Wolf, Luchs und Bär. Aber wie viel Geld wollen wir für unser schlechtes Gewissen ausgeben?

Über einen Meter lang

Anders als der pazifische Lachs stirbt unser atlantischer Lachs beim Laichen nicht, sondern kehrt bis zu drei Mal in den Rhein zurück. So könnten zwölfjährige Lachse mit einer Länge von über einem Meter den Rhein hinauf schwimmen. Während die zehn bis zwölf Zentimeter langen Junglachse bei ihrem ersten Abstieg im Herbst noch – mit der Wahrscheinlichkeit des Rou­lette­prinzips – durch die Turbinen gespült werden, haben die Grossen keine Chance. «In der häufig installierten Kaplan-Turbine werden die Fische gehäckselt wie im Mixer», sagt Lohner, «Turbinen, die mit Sog funktionieren, sind ­dagegen passierbar.» Das wären aber Milliardeninvestitionen.

Günstiger scheint Jermanns Vorschlag, den Fischen den Zugang zu den Turbinen mit einem Rechen zu versperren. Die Idee ist aber noch nicht reif; unter anderem kämen hohe Unterhaltskosten auf die Kraftwerke zu. Bereits heute werden regelmässig Junglachse im Oberrhein ausgesetzt, in der Hoffnung, dass sie die zahlreichen Turbinen-Mixer überleben und irgendwann zum Laichen zurückkehren.

«Das Thema ‹Retourschwimmen› wird in der Kampagne um die Rückführung des Lachses nicht thematisiert», bedauert Lohner, «aber ein erleichterter Aufstieg nützt nichts, wenn die Fische nicht zurückschwimmen können.» Den Lachs zu haben scheint im Moment wichtiger, als dem Lachs zu dienen.

Korrektur am 11.11.2013: Im Text war in einer ersten Version von Pelton-Turbinen die Rede. Richtig müsste es jedoch Kaplan-Turbinen heissen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.11.2013, 16:02 Uhr

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