Den Liebesapfel dreimal neu erfunden

Wer sich eine Scheibe von einer Fleischtomate schneidet, mag bedenken, dass er das vorläufige Endresultat unzähliger Mutationen vor sich hat, die zufällig, automatisch und durch Züchterinnenhand vorankamen.

Die Tomate ist ein gewichtiges Wirtschaftsgut geworden.

Die Tomate ist ein gewichtiges Wirtschaftsgut geworden. Bild: Keystone

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Die Tomate ist die beliebteste Beere bei den Menschen und wird in der Grössenordnung von wohl bald gegen 200 Millionen Tonnen pro Jahr angebaut. Schon im 16. Jahrhundert nach Europa gekommen, findet ihr Hauptanbau heute in Asien statt. Auch bei uns gedeihen moderne und alte Sorten der als Liebes- oder Paradiesapfel gelobten Frucht auf Feldern und ganzjährig betriebenen Gewächshäusern.

Im Sommer ziert manch alte rare Species Balkone und Familiengärten. Das Nachtschattengewächs, verwandt mit der Kartoffel, ist jedenfalls gern gegessener Gast auf unseren Tischen. Sie ist ein gewichtiges Wirtschaftsgut geworden und schon darum Objekt umfassender Verbesserungswünsche.

Wer sich eine Scheibe von einer Fleischtomate schneidet, mag bedenken, dass er das vorläufige Endresultat unzähliger Mutationen vor sich hat, die zufällig, automatisch und durch Züchterinnenhand vorankamen. Die wilden Vorfahren waren mehr Unkraut und Ranken als eine brav aufstrebende Pflanze, die ihre rot leuchtenden, wenn auch nicht unbedingt überzeugend schmeckenden Früchte leicht und gar maschinell ernten lässt.

Die Beeren der Wildtomate Solanum pimpinellifolium, die schon lange in Peru wuchs, als die ersten Europäer auftauchten, sind erbsengross, die Pflanze wild verzweigt. Schliesslich waren die nur gelegentlich geernteten Beeren hauptsächlich dazu da, die Pflanze voranzubringen, statt der Menschen Mahl erröten zu lassen, wie dies die heute gehandelten Varianten der schon von Carl von Linné Solanum lycopersicum getauften Tomate weltweit tun.

Genom ist schon seit einiger Zeit entziffert

Bei der Züchtung stehen viele Eigenschaften im Fokus. Die Art, Form und Grösse der Tomaten, ihre Haltbarkeit und Widerstandskraft. Aber auch eine möglichst geringe Zahl unnötiger Verzweigungen und die maschinelle Ernte störende Knoten sind dabei. All diese Dinge werden durch Gene gesteuert, und schon seit einiger Zeit ist das Genom der Tomate entziffert. Nicht nur das.

Es ist auch eine ganze Zahl von Genen identifiziert, die etwa die Grösse und Form der Pflanze regulieren und den Nachkommen der wilden Vorfahrin gartentauglichen Wuchs verschaffen. Oder Gene, die eine Pflanze weniger abhängig von der Tageslänge machen oder den Gehalt an nützlichen Stoffen wie dem das Rot vermittelnden Lycopin steuern. Es geht aber auch um unterwegs verlorenes Erbgut, das Widerstandskraft gegen Pilze und Parasiten verschaffte.

Seit 2012 steht mit der bei Bakterien entdeckten Crispr/Cas9-Genschere ein praktisches Werkzeug zur Verfügung, das gezielten Umbau und Hebeln an Schaltern erlaubt. Gestern haben gleich drei Gruppen in Nature Plants und Nature Biotechnology gezeigt, wie man die Domestizierung der Tomate «de novo» wiederholen und sie verbessern und ihre verlorenen guten Eigenschaften erhalten könnte. Ein brasilianisch-deutsches Team um Agustin Zsögön, Jörg Kudla und Lázaro Pereira Peres und ein Team in China um Cao Xu und Caixia Gao tat dies mit Solanum pimpinellifolium.

Die Gruppe des bekannten Tomatenforschers Zachary B. Lippman vom Cold Spring Harbor Laboratory zeigt mit Joyce Van Eck von Cornell im Detail, wie man auch eine «verwaiste» Nutzpflanze wie die der Cherry-Tomate verwandte Blasenkirsche Physalis pruinosa grösser, widerstandsfähiger und nützlicher crispern kann. Kein Zufall, dass da gleich drei Teams die Tomate neu erfinden und dabei die Summe der nützlichen Eigenschaften erhöhen wollen.

Die Werkzeuge sind da. Das Wissen auch. Der Nutzen gut begründet. Wer die Scheren zu kommerziellen Zwecken einsetzen darf, bestimmt die zurzeit schwer überschaubare Schar der Inhaber der Patente mit. Aber es hat sich unübersehbar was geändert. Nicht unbedingt zu unserem Schaden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.10.2018, 11:22 Uhr

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