Die Hochburg der Hanf-Forscher wird stillgelegt

Der Einsatz von Cannabis in der Medizin ist vielversprechend. Bern ist die Hochburg der medizinischen Cannabisforschung – doch nun wird dieser Forschungszweig gekappt.

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Wenn Fragen zu Cannabis auftauchen, wird der Langnauer Apotheker Manfred Fankhauser vors Mikrofon geholt. Die Bahnhofapotheke des Ehepaars Fankhauser steht zentral im Emmentaler Dorf. Kräuterpastillen und die hellen Curaplant-Dosen der eigenen Pflanzenheilmittellinie erwecken in den hellen Räumen den Eindruck einer netten Beratungsstelle für familiäre Wehwehchen. Ein Hinweis, dass sich hier schweizweit das erste Cannabislabor mit kompetenter Kundenbetreuung befindet, sieht man nirgends. Die Beratung für Hanftherapien findet im überladenen Arbeitszimmer hinter der Theke statt, wo in zwei Boxen Hängemappen mit Dossiers von über 500 Patienten stecken.

Zu einer Cannabistherapie kommen Patienten in der Schweiz fast nur per Zufall oder illegal. Die einst akzeptierte Medizin ist heute legal über eine Sonderbewilligung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) erhältlich, und dann führt der Weg meist nach Langnau. «Etwa 300 Patienten pro Jahr, Anzahl steigend, lassen sich heute in der Schweiz mit Cannabis behandeln», sagt Fankhauser. «Unser Ziel ist es, Cannabis wieder auf die offizielle Arzneiliste zu bringen.»

Cannabis-Tinktur aus Langnau

Wie kam er, der Bauernsohn aus Trub, zum vertieften Verständnis von Cannabis? Ein Wink der örtlichen Naturheiler? Mitnichten.

Weil er tagsüber in der neu eröffneten Apotheke präsent sein musste, suchte er für seine Doktorarbeit ein Thema, dem er sich in den Abendstunden widmen konnte. Er arbeitete die wechselvolle Rolle von Cannabis in der Medizin auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Cannabis Konkurrenz durch zuverlässigere Medikamente, verschwand als Medizin, geriet in Verruf und wurde verboten. Erst 2008, nach der Revision des Betäubungsmittelgesetzes (BtmG), war der Weg frei für die medizinische Wiederentdeckung. Seither fertigt Fankhauser im Labor das Medikament Dronabinol.

Es enthält nur synthetisches Tetrahydrocannabinol (THC), jenen Bestandteil von Cannabis, der halluzinogen wirkt. Seit einem Jahr extrahiert er eine eigene Tinktur aus einheimischem Hanf, dessen Anbau vom BAG kontrolliert wird. Inzwischen lasten ihn die Cannabistherapien zu 60 Prozent aus: «Die Ärzte verweisen die Patienten an uns, weil sie keine Erfahrung mit diesem Heilmittel haben.»

Lange angekündigtes Ende

Das Wirkungsfeld von Cannabis exakt zu erfassen, ist nicht einfach. Die Kulturpflanze entfaltet lindernde oder heilende Kraft bei 47 Krankheiten, etwa bei degenerativen Nervenerkrankungen wie multipler Sklerose, bei Depressionen, Schlafstörungen, bei Schmerzen aller Art und ebenso bei Hyperaktivität. Die halluzinogene Wirkung ist bei richtiger Dosierung kaum spürbar. Allerdings hat das Kraut auch Launen – während seine Heilkraft den einen hilft, verpufft sie bei anderen wirkungslos.

Das schweizerische Zentrum der Cannabisrenaissance befindet sich in Bern, und zu seinen führenden Köpfen gehört der Berner Pharmazeut Rudolf Brenneisen. 1996 hat er in einer ersten Studie am Rehab Basel bei 25 Querschnittgelähmten nachgewiesen, dass THC spastische Muskelkrämpfe signifikant lindert.

Heute allerdings herrscht am Departement für Klinische Forschung an der Universität Bern, wo Professor Brenneisen die Forschungsgruppe für Phytopharmakologie leitet, alles andere als Aufbruchstimmung. Brenneisen wird in einem Jahr pensioniert, doch die Medizinische Fakultät verzichtet darauf, einen Nachfolger zu suchen – genau jetzt, da Berns Pionierrolle in der Cannabisforschung Kreise zu werfen beginnt. Diesen Abbau hat die Fakultät bereits in den 90er-Jahren eingeleitet mit der Schliessung des Pharmazeutischen Instituts, an dem Brenneisens Cannabisforschung begonnen hatte.

Verhasst bei Hanffreunden

«Ich habe mich immer für Stoffe interessiert, die auf das Hirn wirken und Bewusstseinserweiterungen verursachen», sagt Brenneisen. «Zunächst aber bin ich abgedriftet in die forensische Szene, zum Aufspüren des Stoffes beim Missbrauch.» Einzig hier gab es vor dreissig Jahren Forschungsgeld zu holen. Brenneisen entwickelte Methoden für den Nachweis von Drogen in Blut und Urin, wurde Referenzperson beim Betäubungsmittellabor der UNO in Wien und kam mit der Drug Enforcement Administration, der Antidrogenbehörde der USA, in engen Kontakt.

Die Hanffreunde hassten ihn. Im Nachhinein zu Unrecht. Denn er entwickelte Messmethoden, die zeigen, in welchem Ausmass der Körper Cannabinoide aufnimmt und ausscheidet, und erst damit wurde exaktes Forschen möglich.

Jetzt, beim Besuch in seinem Labor, fischt er aus einer Kiste ein umgebautes Inhalationsgerät, das er für die ersten klinischen Studien in den 90er-Jahren eingesetzt hat. Es war die Zeit der bahnbrechenden Entdeckung, dass unser eigener Körper cannabisähnliche Stoffe herstellt, die in allen wichtigen Organen auftauchen, vom Hirn übers Herz bis zu den Nieren. 1992 wurde mit Anadamid eine Nervensubstanz nachgewiesen, die ähnlich wie THC wirkt.

Joint als Medikament?

Damit begannen sich die Neurologen für Cannabis zu interessieren. Doch das BtmG-Verbot liess einzig Forschung mit aus Zitronenschalen künstlich hergestelltem THC zu. «Mir war immer klar, dass wir auch die ganze Pflanze einsetzen müssten», sagt Brenneisen. «Aber das BAG meinte damals, wir müssten nicht einmal darüber nachdenken, das Gesetz erlaube es nicht.»

Brenneisen wäre richtig gelegen. Als man später die Wirkung von THC mit der Kombination aller Essenzen der Pflanze verglich, stellte sich heraus, dass insbesondere das nicht euphorisierende Cannabidiol die therapeutische Wirkung verstärkt.

Brenneisen wies nach, dass inhaliertes Cannabis am schnellsten und effizientesten wirkt. Doch der Joint als Medikament kam nicht infrage. Es blieb bei Patientenberichten, die, zu Brenneisens Bedauern, die damalige Schulmedizin als Anekdote abhakte.

Ähnliche Erfahrungen hat der Neurologe Claude Vaney gemacht, der in der Berner Klinik Montana im Walliser Kurort Crans 300 Querschnittgelähmte und MS-Patienten betreut. Er schildert das Beispiel eines 28-jährigen MS-Patienten, der unter schmerzhaften Krämpfen nur ein paar Meter gehen kann. Wie verschafft er sich, wenn überhaupt, Linderung? «Ich rauche einen Joint.»

Individuelle Reaktion

Patienten, denen die Schulmedizin nicht half, fanden im immer grösser werdenden Kreis der Cannabiskonsumenten Hilfe. Informiert wurden sie in Bern auch an der Hanfmesse, die von 2001 bis 2008 jährlich in der BEA-Halle stattfand. 2001 gelang es Vaney, in einer vom BAG finanzierten Studie mit 37 Patienten aufzuzeigen, wie ein Extrakt aus natürlichem Cannabis nach subjektivem Empfinden die MS-Muskelkrämpfe lindert und einen ruhigen Nachtschlaf ermöglicht.

Vaneys Studie machte eine Schwierigkeit bei der medizinischen Anwendung von Cannabis deutlich: «Es gibt Patienten, die kaum auf Cannabis ansprechen, andere schon bei sehr bei kleinen und dritte nur bei relativ hohen Dosen.» Laut Rudolf Brenneisen könnte dies eine Frage der Dosierung und Anwendungsform sein, die auf die einzelne Person individuell abzustimmen sind.

Ähnliche Erkenntnisse hat Professor Jürg Gertsch am Institut für Biochemie und Molekulare Medizin der Universität Bern auf Lager. Gertsch erforscht über die Entwicklung neuer Medikamente die körpereigene Herstellung cannabisähnlicher Stoffe.

Gegen Entzündungsschmerzen

2008 entdeckte er erstmals Beta-Caryophyllene (BCP) im Cannabisöl als aktive Substanz. Das oxidierte Produkt davon riechen Drogenhunde, es führt sie sicher zum Versteck.

Gertsch arbeitet mit äusserst empfindlichen Instrumenten. Im Labor steht ein mannshohes Massenspektrometer. «Was Cannabis wirklich gut kann», sagt Gertsch: «Entzündliche Schmerzen abbauen.» Schmerzen, die entstehen, wenn sich die Zellen unter Stress verändern und chronisch entzündet bleiben. Gertsch ist begeistert von den neuen Möglichkeiten, die BCP eröffnet. Er betont jedoch, dass Patienten sehr individuell auf diese Substanz reagieren.

Cannabis kommt, Bern geht

Der Einsatz von Cannabis in der Medizin ist vielversprechend. Allerdings sind wichtige Fragen weiterhin offen, aber die Voraussetzungen, sie zu klären, sind dank moderner Analysegeräte, aber auch dank der in Bern erarbeiteten Grundlagen heute sehr gut. Zudem gibt es neue Wege der Medikation, effizienter als ein Joint und lungenschonend. Sativex etwa, ein Mundspray, bei dem das Cannabisextrakt über die Schleimhaut aufgenommen wird. Oder ausgeklügelte Verdampfer, über die Pflanzenwirkstoffe in die Lunge inhaliert werden. «Da Cannabis beim Inhalieren sofort absorbiert wird, kann der Patient genau die für ihn richtige Dosis ansteuern», sagt Brenneisen.

Cannabis auf diese effiziente, gesundheitsschonende Art legal zu sich nehmen können nur Patienten in einigen Staaten der USA, in Kanada und Holland. Und obschon inzwischen zehn europäische Länder sowie die USA und Kanada Sativex zugelassen haben, ist die vor zwei Jahren angekündigte Zulassung in der Schweiz vom Heilmittelinstitut Swissmedic erneut auf nächstes Jahr verschoben worden.

Mitte 2014 lässt Bern mit der Schliessung des Labors für Phytopharmakologie die patientenorientierte Forschung fallen. Erhielt Brenneisen bereits für seine erste Studie an Querschnittgelähmten kein Geld vom Schweizerischen Nationalfonds, so steht auch das Schicksal einer geplanten Migränestudie mit Sativex in den Sternen.

In Bern verbleibt nur noch Gertschs Grundlagenforschung, die Firmen in Deutschland nutzen wollen. In den USA sind hingegen über vierzig klinische Cannabisstudien am Laufen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.10.2013, 16:33 Uhr

Vier wahre Geschichten

Der Walliser Michel G. war eine grosse Skisporthoffnung. Sein Traum, sich in Magglingen zum Sportlehrer ausbilden zu lassen, endete am 17.Juli 1977 jäh. Auf dem Weg nach Icogne fuhr er, im Gewitter vom Blitz geblendet, nach einem Ausweichmanöver in einen Baum. Er brach sich drei Wirbel und blieb querschnittgelähmt. Als Rollstuhlathlet fing er sich auf, reiste sechs Jahre danach nach Sri Lanka, wo man ihm die Tasche mit den Medikamenten stahl. Ein 86-jähriger Heiler lehrte ihn, Cannabis als Medizin zu nutzen, wie ein Asiate, der nur abends bei Sonnenuntergang raucht. Dies tut er nun seit dreissig Jahren und schläft seither ohne Schmerzen und Spasmen.

Ruhelose Beine brachten Peter R. schon als Kind um den Schlaf. Mit 16 Jahren rauchte er zum ersten Mal vom herumgereichten Haschischjoint. Was dann geschah, wird er nie vergessen: Zum ersten Mal konnte er sich ins Bett legen, umdrehen und einschlafen. Seither begleitet ihn Cannabis abends in den Schlaf. Erst mit 27 Jahren entdeckte er über die Selbsthilfegruppe Restless Leg, dass er an diesem Syndrom litt. Das Schlaflabor des Inselspitals suchte er verschiedentlich auf, doch die gängigen Medikamente haben dem heute 46-Jährigen letztlich nur mit einem zusätzlichen Joint geholfen.

Konrad T. fixierte im Oberwallis Lawinenverbauungen und sorgte sich als Förster um gesunde Lärchen und Fichten. Dann katapultierte ihn mit 40 Jahren der erste Schub von multipler Sklerose (MS) in den Rollstuhl. Davon erholte er sich wieder, war weiterhin vom Büro aus beruflich tätig, aber starke Zuckungen im linken Bein mit Schmerzen verunmöglichten gesunden Schlaf. In der Berner Klinik Montana hörte er vor über zwanzig Jahren erstmals von der Wirkung von Cannabis bei MS. Als Nichtraucher mischt er seither vor dem Zubettgehen pflanzliche Blüten in einen halben Deziliter Milch und schläft so durch. Dem 76-Jährigen helfen bei starken Spasmen nachmittags Hanfbiskuits.

Die Migräneattacken fingen beim 67-jährigen Toni M. vor fünfzehn Jahren an, meist nach einem halben Glas Wein oder Bier. Als Psychotherapeut mit eigener Praxis war er bereit, verschiedenste Therapien auszuprobieren. Das Einzige, was ihm hilft, falls er rechtzeitig die Anzeichen der Migräne erkennt, sind in Butter aufgelöste Hanfblüten als Prophylaxe. Dabei achtet er auf eine möglichst nicht zu hohe Dosierung, damit die euphorische Stimmung ihn in seinem Denken nicht beeinträchtigt. (chr)

*Die Namen aller Auskunftspersonen sind dem Autor bekannt.

Hochburg Bern

Die Universität Bern war Anfang des 20.Jahrhunderts die «Haschischforschungshochburg». Davon zeugen die Präparate des Pharmazeuten Alexander Tschirch (1856–1939), die heute im Institut für Medizingeschichte der Uni Bern aufbewahrt und als Bilder per Internet abrufbar sind, wie Apotheker Manfred Fankhauser in seiner Doktorarbeit aufzeichnet. Einen Markstein setzte Emil Bürgi (1872–1947), Pharmakologe und Rektor der Universität Bern, der gut dreissig Dissertationen zu Cannabis betreute.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das medizinische Interesse an Cannabis jäh ab: «Für viele Indikationen besass man nun wirksamere Medikamente wie Barbiturate als Schlafmittel, Heroin gegen Schmerzen oder Impfungen gegen Starrkrampf», sagt Fankhauser. Und: «Wie beim Wein konnte eine Hanfernte eine wirksame Tinktur liefern, die darauf folgende unwirksam sein.» Für Vergleichsstudien zum Therapienachweis eignete sich Cannabis deshalb nicht.

1951 kam Cannabis auf Druck der USA unter das Betäubungsmittelgesetz (BtmG), blieb aber
in der Medizin erlaubt. Erst als im Zuge der 68er-Bewegung der Haschischkonsum anschwoll, erfolgte das Verbot auch in der Medizin, die Forschung ausgenommen. In den 80er-Jahren wurde Cannabis, als Folge der offenen Drogenszenen in Zürich und Bern, als Einstiegsdroge verteufelt. Die 2004 lancierte Hanfinitiative zur Entkriminalisierung lehnte das Stimmvolk Ende 2008 ab, die Revision des BtmG nahm es jedoch an. Seither ist Cannabis für medizinische Zwecke im engen Rahmen wieder zugelassen. (chr)

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