Extreme lassen keinen Trend erkennen

Das Wetter spielt zunehmend verrückt. Die aktuellen Katastrophen lassen sich aber nicht mit dem Klimawandel erklären.

Der Klimawandel ist wohl nicht Schuld an seiner Lage: Ein Bauer mit seinen Kühen in der überfluteten pakistanischen Provinz Sindh.

Der Klimawandel ist wohl nicht Schuld an seiner Lage: Ein Bauer mit seinen Kühen in der überfluteten pakistanischen Provinz Sindh. Bild: AFP

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Die Wetterbehörden sprechen in Superlativen. Von Jahrtausendhitze in Russland und den schlimmsten Überflutungen aller Zeiten in Pakistan. Die Ursache heisst nüchtern «Omegalage»: ein Tiefdruckgebiet über Europa und Asien, dazwischen ein ausgedehntes Hoch über Russland. Die Strömungsbahn der Höhenwinde führt dabei in Form des griechischen Buchstabens Omega nördlich um das Hoch herum.

«So kann aus dem Westen keine feuchte Luft in die hitzegeplagten Regionen gelangen», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz. Gleichzeitig begünstigt das starke Tief über Asien den Transport feuchter Luft aus dem Indischen Ozean zum asiatischen Festland. Solche Konstellationen sind selten und im Allgemeinen stabil. «Diesmal hält die Wetterlage ungewöhnlich lange an», sagt Klimatologe Bader.

Extremereignisse verunsichern die Öffentlichkeit. Sind das Vorboten der Erderwärmung? Eine Antwort gaben Klimaforscher bereits vor sieben Jahren. «Im August 2003 hatten wir eine ähnliche Wetterlage, nur war das Hochdruckgebiet etwa 2000 Kilometer südwestlich des heutigen Zentrums», so Bader. Damals herrschte in Zentraleuropa eine Jahrhunderthitze, während es in Russland und der Ukraine ungewöhnlich kühl und feucht war.

Kein Zusammenhang zwischen Hhitze und Treibhausgas-Emissionen

Die Meinung der Klimaforscher war damals unumstritten: Eine Klimaänderung lässt sich in solchen Extremereignissen bisher nicht nachweisen. «Sie sind zu selten, um einen langfristigen Trend zu beobachten», sagt Bader. Asien sei jedes Jahr von Monsunregen betroffen, wenn auch nicht so schlimm. «Es ist schwierig zu beurteilen, ob das aktuelle Ereignis nicht rein zufälliger Natur ist.»

Forscher des ETH-Instituts für Atmosphäre und Klima berechneten damals anhand von Daten der letzten hundert Jahre, dass es unter den aktuellen Klimabedingungen statistisch gesehen nur alle tausend Jahre so heiss wird wie im Sommer 2003. Ein Zusammenhang zwischen den stark angestiegenen Treibhausgas-Emissionen und der Jahrhunderthitze konnte nicht gefunden werden.

Trotzdem warnten Klimaforscher: Der Brite Peter Stott vom angesehenen Hadley-Zentrum für Klimavorhersage schätzte anhand von Modellen, dass das Risiko für solche Extremereignisse durch den menschlichen Einfluss um ein Mehrfaches gestiegen ist.

Risiko stationärer Wetterlagen

Seine statistischen Schätzungen gingen so weit, dass er den Menschen, das heisst den Ausstoss der Treibhausgase für ungefähr die Hälfte des Risikos solcher Ereignisse verantwortlich machte. Die Erkenntnisse von damals gelten noch heute, auch wenn die Forscher heutzutage mehr Daten zur Verfügung haben und die Computermodelle deutlich besser geworden sind. Neue Studien bestätigen zudem: Der Trend zu mehr Hitze-, aber weniger Kältewellen hält an.

Trotzdem lassen sich Wetterlagen wie die gegenwärtige nach wie vor nicht in einen Kontext mit dem Klimawandel bringen. «Da herrscht ein Manko in der Klimaforschung», so der Experte von Meteo Schweiz. Die hemisphärischen Strömungsmuster seien bis heute zu wenig untersucht worden. «Die Daten über einen langen Zeitraum wären vorhanden, die Herausforderung ist die Klassifizierung einzelner Wetterlagen», sagt Bader. Versuche, die Einordnung von Wetterlagen zu automatisieren, hätte es einige gegeben, so Urs Neu von Proclim, dem Klimaforum der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften. Doch bisher sind alle mehr oder weniger gescheitert.

Mathematik kann Dynamiken nicht beschreiben

Die häufig in der Klimatologie verwendeten mathematischen Instrumente könnten die zeitliche Dynamik der Windströmungsmuster bei Extremereignissen nicht beschreiben, so Neu. Die hemisphärische, wellenförmige Luftzirkulation hängt von den Temperatur- und Druckunterschieden zwischen Äquator und den Polen ab. Sie bestimmen die Dynamik von Hoch- und Tiefdruckgebieten auf dem Meer und dem Land, also von Wetterlagen. «Ist dieser Druckunterschied geringer, so ist die Wellenausbildung weniger ausgeprägt», sagt Neu.

Die Strömungsmuster können in diesem Fall länger stationär bleiben, wie das derzeit auf dem eurasischen Kontinent zu beobachten ist. Die Erderwärmung könnte solche Entwicklungen begünstigen. Erste Anzeichen dafür gibt es: Eine Studie des Deutschen Geo-Forschungszentrums gibt Hinweise, dass verschiedene Muster der atmosphärischen Luftzirkulation, die vielfach zu Überschwemmungen führen, zahlreicher und beständiger geworden sind.

Die Beständigkeit von Wetterlagen spielt denn auch eine grosse Rolle für extreme Wetterereignisse. Urs Neu vermutet, dass das lang anhaltende Hoch in Russland dazu geführt hat, dass das Bodenwasser vielerorts an der Oberfläche vollständig verdunstete. Der Effekt: Mit der fehlenden Verdunstung, die kühlend wirkt, heizt sich die bodennahe Luft zusätzlich auf. In Russland war es ungewöhnlich heiss, bis zu 40 Grad. Dieses Phänomen wurde auch im Jahrhundertsommer 2003 beobachtet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2010, 22:58 Uhr

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