Japan kann weiter töten

Japan akzeptiert das Walfangverbot im Südpazifik. Dennoch kann die blutige Jagd weitergehen – es gibt mehrere Schlupflöcher, die von anderen Ländern bereits genutzt werden.

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Das Fleisch als Nahrung, das reichhaltige Fett als Brennstoff und die Knochen als Baumaterial. Die Verwendung von Walen ist äusserst vielfältig. Erst recht die Produkte, die aus den Überresten der Säugetiere entstehen: Back- und Maschinenfett, Margarine, Seife, Dünger, Gelatine, Schinken und Dosennahrung. Etwas angeekelt erzählte der SRF-Korrespondent in der Sendung «Echo der Zeit» über den Verzehr von Walpenissen: «Das ist nicht wirklich eine Delikatesse.»

Für indigene Völker, etwa aus Grönland, mögen die Produkte aus dem Walfang heute noch überlebensnotwenig sein. Industrialisierte Länder sind jedoch längst nicht mehr auf das Säugetier als Nahrungsquelle angewiesen. Nicht umsonst verwies Japan stets auf den wissenschaftlichen Zweck, der aus der Waljagd resultiere. 15'000 Wale hat Japan nach Zählung von Tierschützern seit 1987 getötet. Die Forschungsdaten, die daraus resultierten, sind spärlich und äusserst umstritten.

Japan «bedauert» den Entscheid

Diesem Jagdvorwand wurde gestern ein Riegel vorgeschoben. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat das entsprechende Walfangprogramm Japans für rechtswidrig erklärt. (baz.ch/Newsnet berichtete). Umweltschützer werten das Urteil positiv: «Wir freuen uns. Ob dies der Anfang vom Ende ist, bleibt abzuwarten», sagt Yves Zenger von Greenpeace Schweiz. Japan nahm das Urteil weniger erfreut zur Kenntnis. Noriyuki Shikata, Sprecher des Aussenministeriums in Tokio, erklärte, Japan «bedauere» das Urteil und sei «tief enttäuscht».

Trotzdem signalisierte Japan das Urteil anzuerkennen. Vielleicht auch deshalb, weil der Walfang – trotz Rechtsverbindlichkeit des gestrigen Beschlusses, weitergehen kann. «Das ist sicher nicht das Ende der blutigen Jagd», sagt Bruno Mainini gegenüber baz.ch/Newsnet. Das Mitglied der Internationalen Walfangkommission (IWC) verweist auf ein zweites Programm im Nordpazifik (JAPRPN II), das vom Beschluss nicht tangiert ist. Tatsächlich betonten die UN-Richter zwar, dass neue Genehmigungen nicht erteilt werden dürfen – jedoch nur im Rahmen des Programms im Südpazifik. Japan wird also weiter Walfang betreiben können – voraussichtlich in kleinerem Ausmass. «Es besteht die Gefahr, dass es nun eine Abwanderung in den Nordpazifik gibt», sagt Zenger.

Ein Einspruch genügt zur Jagd

Japan könnte es sich theoretisch einfach machen und eine Praktik anwenden, wie sie Norwegen verfolgt. Das skandinavische Land bemüht sich erst gar nicht, den wahren Zweck für den Walfang zu kaschieren. Es betreibt die Jagd offiziell aus «kommerziellen Gründen». Damit widersetzt sich Norwegen den IWC-Bestimmungen, die den kommerziellen Walfang verbieten. Weil Norwegen aber Einspruch erhob, ist das Verbot ausgehebelt. Im letzten Jahr erlegte das Land 1286 Wale, während es 1993 noch 296 Tiere waren. Das Fleisch wird in Edelrestaurants und Supermärkten abgesetzt.

Die IWC kann gegen dieses Vorgehen keine Sanktionen ergreifen: «Wenn sich jemand nicht daran hält, gibt es keine Massnahmen», sagt Mainini. Zudem wird Mitgliedsländern das Recht gewährt, jederzeit Vorbehalt gegen einen Entscheid zu deponieren. Japan hat dieses Recht jedoch zum Zeitpunkt verspielt, als es sein Walfangprogramm unter dem wissenschaftlichen Deckmantel laufen liess und somit freiwillig auf den kommerziellen Walfang verzichtete. Die Erfahrung zeige zudem, dass sich Japan an richterliche Beschlüsse halte, sagt Mainini.

IWC-Austritt als Möglichkeit

Des Weiteren hätte Japan die Möglichkeit, nach isländischem Vorbild vorzugehen. Der Inselstaat ist 1992 kurzerhand aus der IWC ausgetreten, weil er sich den Bestimmungen nicht beugen wollte. «Wer nicht dabei ist, kann so viel jagen, wie er will», sagt Mainini. Diesen Sonderstatus nutzte Island und setzt ihn fort, obwohl es seit 2002 wieder IWC-Mitglied ist. Als Bedingung für den Wiedereintritt verlangte die isländische Regierung die Erlaubnis für den kommerziellen Walfang. Damit geht das Land ein politisches Risiko ein: Seit 2011 laufen die Beitrittsverhandlungen mit der EU – ein Ende des Walfangs ist Grundvoraussetzung für einen Beitritt. Doch davon ist bislang nichts zu spüren. Für das laufende Jahr wurde die Walfangquote noch einmal angehoben.

Eine wissenschaftliche Begründung für Walfang wird durch den gestrigen Gerichtsentscheid erschwert. Die damit verbundene Einschränkung ist jedoch «nur ein Tropfen auf einen heissen Stein», sagt Mainini. Die grösste Gefahr für die Säugetiere bleibt weiterhin bestehen: die grossen Fischernetze. Mainini geht davon aus, dass jährlich 100'000–200'000 Wale als Beifang verenden. Diese Tiere werden weder zu Delikatessen weiterverarbeitet noch zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet, sondern tot ins Meer geschoben. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine grosse Gefahr bleibt auch die «akustische Verschmutzung» der Ozeane, wie Mainini es nennt. Durch die vermehrten Motorgeräusche von Schiffen verlieren die Tiere die Orientierung. Oft endet ihre Reise an Stränden, wo sie meistens verenden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2014, 13:42 Uhr

Vom Gericht untersagt: Walfang zu «wissenschaftlichen Zwecken». (Video: Reuters )

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