Leoparden gehen in der Grossstadt auf die Jagd

Dutzende Leoparden streifen in der Nacht durch die indische Metropole Mumbai. Meist lassen die Raubkatzen Menschen in Frieden – aber manchmal wird es brenzlig.

Im Sanjay-Gandhi-Nationalpark von Mumbai leben geschätzte 41 Leoparden. Nachts treibt es sie in die Stadt. Foto: National Geographic, Getty Images

Im Sanjay-Gandhi-Nationalpark von Mumbai leben geschätzte 41 Leoparden. Nachts treibt es sie in die Stadt. Foto: National Geographic, Getty Images

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Hätte der Forscher Nikit Surve aus Mumbai einen Wunsch frei wie im Märchen, dann würde er losziehen, um Jack Sparrow zu finden, draussen in der Nacht. Der Inder würde ihm gegenübertreten, in die Augen schauen und fragen: «Wie machst du das, mein Junge? Dich ständig unter die Leute zu mischen, ohne dass irgendeiner etwas davon mitbekommt?» Und wer weiss, vielleicht würde ihm sein gewieftes Gegenüber sogar antworten und das grosse Geheimnis preisgeben.

Für Surve wäre das ein Traum. Nur kann dieser Jack Sparrow nicht zu den Menschen reden. Er ist nicht der berühmte Disney-Pirat. Er ist ein Leopard. Der Wildbiologe Surve hat die Raub­katze so getauft, weil sie aussieht, als trage sie eine Augenklappe. Auf Fotos der Kamerafalle kann man gut erkennen, dass der Leopard einen schwarzen Fleck rund um sein Auge hat. Jede Katze ist etwas anders gefleckt, die Zeichnung so individuell wie ein menschlicher Fingerabdruck. 41 Leoparden haben Forscher auf diese Weise in der indischen Metropole Mumbai gezählt. Unter 24 Millionen Menschen. Das ist weltweit ein einzigartiges Szenario.

Von allen Grosskatzen sind die Leoparden die anpassungsfähigsten. Sie ­haben sehr unterschiedliche Lebens­räume in Afrika und Asien erobert: Halbwüsten, Savannen, Regenwälder. Bis hinauf ins Hochgebirge des Himalaja sind sie – in Gestalt der Schneeleoparden – vorgestossen. Und anders als ­Löwen, Tiger oder Jaguare haben sie es geschafft, dauerhaft in unmittelbarer Nachbarschaft mit Menschen zu existieren. Heimlich, still und leise.

Affe, Hase und Schwein sind auf Flucht gepolt, ganz anders als die trägen Hunde in der Stadt.

Den Tag verbringen die Tiere im Wald; die meisten Leoparden Mumbais stammen aus dem Sanjay-Gandhi­Nationalpark, einem 104 Quadratkilometer grossen Schutzgebiet, wie eine grüne Perle liegt es im Herzen der Stadt. Auf drei Seiten ist der Wald von der ­Metropole umschlossen, im Norden grenzt er an einen Fluss. Wenn es dunkel ist, schleichen sich die Katzen in den Grossstadtdschungel, wo sie oft dieselben Wege wie die Menschen nehmen. Sie laufen durch Gassen, schnuppern in die Gärten hinein, schleichen sich durch Türen und Tore. Die Zweibeiner bekommen davon meist nichts mit.

Leoparden streifen sicher nicht durch die Stadt, weil sie die Neugier auf Menschen antreibt. Es lockt sie etwas anderes in die Hochhausschluchten: leichte Beute. Überall streunen Hunde herum, nachts schlafen sie zusammengerollt auf dem warmen Asphalt. Meistens bilden sie kleine Rudel, aber das schützt sie nicht vor Angriffen. «Leoparden springen schon mal mitten hinein in eine Gruppe und holen sich einen Hund heraus», sagt Surve. Der Angriff kommt schnell und aus dem Hinterhalt, selbst grosse Hunde haben keine Chance.

Der 26-jährige Inder mit dem dichten, schwarzen Bart findet, dass er einen der aufregendsten Jobs hat, den man in Mumbai finden kann.Selbst dann, wenn es nur darum gehen sollte, einzusammeln, was die Leoparden so alles fallen lassen. «Erst durch Untersuchungen des Kots konnten die Wissenschaftler belegen, dass sich die Leoparden von Mumbai überwiegend von Hunden ernähren», sagt der Forscher. Nun liesse sich vermuten, dass sie in ihrem Wald vielleicht keine Beute mehr finden. Doch das ist ein Mythos.

Simple Kosten-Nutzen-Rechnung

«Es gibt jede Menge Wildtiere im Park, die als Beute infrage kommen», sagt ­Surve. Gerade erst hat er dort Sambarhirsche gesehen. Ausserdem leben im Park Hasen, verschiedene Affenarten und Schweine. Paradiesische Zustände für ein grosses Raubtier, könnte man glauben. «Aber die Beute im Wald ist schwer zu fangen», sagt Surve. «Es ist eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung. Wie viel Energie muss die Katze aufwenden, um zu fressen?» In der Wildnis braucht sie viele Anläufe, bis sie erfolgreich ist. Weit mehr als ein Dutzend Versuche können das sein. Denn Hase, Affe und Schwein sind auf blitzschnelle Flucht gepolt. Anders als die trägen Hunde in der Stadt. Das macht das betonierte Labyrinth als Jagdrevier attraktiv. Mumbai bietet Fast Food für die Raubkatzen. Schnell rein und mit dem Burger wieder raus, so ungefähr geht das. «Weil Mumbai seinen Müll nur schwer in den Griff bekommt, gibt es so viele Strassenhunde», sagt der Umweltjurist Pawan Sharma, der sich mit seiner Organisation RAWW um das Wohlergehen der Tiere in Mumbai kümmert. Es wird geschätzt, dass etwa 95000 streunende Hunde in der Metropole leben. Das dürfte die hohe Dichte der Leoparden im Nationalpark erklären, sie liegt etwa zwei- bis dreimal höher als in der Savanne von Sri Lanka.

Die Raubkatzen pendeln zwischen Wald und Stadt, beide Bereiche gehören zu ihrem Territorium, sie scheren sich nicht um Grenzen, die der Mensch zieht. Surve erzählt sogar von einem Leoparden, der es sich in einem Bett im ersten Stock einer Wohnung gemütlich gemacht hatte, weil der Besitzer nicht da war. Als der Mann am frühen Morgen die Treppe hinaufstieg, war er wie gelähmt vor Schock, als er das Tier auf seinen Laken lümmeln sah. Der Leopard verdrückte sich dann blitzschnell durch eine Öffnung in der Mauer. Die Tiere fürchten sich vor erwachsenen Menschen, sie fliehen immer, wenn sie eine Chance dazu sehen.

Der Leopard schoss auf ihn zu, schlug ihm mit den Pfoten auf den Kopf und ins Gesicht.

Gefährlich wird es, wenn ihnen der Weg versperrt ist. Der Versicherungsverkäufer Suraj Gawai hat das erlebt, 29 Jahre alt, ein freundlicher, bedächtiger Mann. Er zählt zu den wenigen Menschen, die schon einmal mit einem Leoparden kämpften. Er würde das auf gar keinen Fall wiederholen wollen, sagt er und senkt den Kopf. Er zeigt die Narben zwischen dem Haar.

Gawai erzählt von der Nacht des 29. Juli. Gegen zwei Uhr morgens erwachte er, damals, weil er einen gequälten Laut von draussen vernahm. Schnell wurde ihm klar, dass das sein Hund sein muss, den er draussen vor der Tür angeleint hatte. Sein Rottweiler hiess Mac. Er war alles andere als ein Schosshündchen: bullig, wachsam, unerschrocken. Doch das, was Gawai hörte, klang gar nicht gut. Er hastete zur Tür und riss sie auf. Da sah er einen Leoparden, der seinen Hund am Kopf gepackt hatte, die beiden kämpften. Gawai liebte seinen Hund, er wollte, dass er überlebt, also versuchte er, die Leine loszumachen, damit der Hund noch eine Chance hat. Dann ging alles blitzschnell, der Leopard schoss auf ihn zu, schlug ihm mit den Pfoten auf den Kopf und ins Gesicht. Dann suchte er mit einem riesigen Satz über den Zaun das Weite.

Mädchen mit Affen verwechselt

Suraj Gawai hat überlebt, trotz tiefer Wunden im Kopf und schweren Blutungen am Augenlid. Mit einem Blutdruck von 240 kam er ins Krankenhaus, Ärzte retteten sein Auge, doch er sieht nicht mehr so gut. Mac, der Rottweiler, überlebte den Kampf, aber er starb später an einer Infektion, verursacht durch die grossen Wunden.

In sehr seltenen Fällen töten Leoparden auch Menschen. Vor einigen Jahren holte eine Raubkatze ein vierjähriges Mädchen im Slum. Es war nachts von seiner Mutter hinausgeschickt worden, um sich im Freien zu erleichtern. Eine Toilette gab es nicht. Das Kind kauerte am Boden. «Der Leopard hat es sehr wahrscheinlich mit einem Affen verwechselt», sagt Surve. Häufiger schon kommt es vor, dass sich Leoparden während der Jagd in eine Falle manövrieren. Einmal jagte eine Raubkatze einen Hund, der war clever und flüchtete in einen Keller, flitzte durch die Gänge und schlüpfte durch ein schmales Fenster hinten wieder hinaus. Das aber war zu klein für den Leoparden.

«Wir setzen weiterhin auf die Sterilisation der Hunde, um ihre Zahl zu begrenzen.»Jitendra Ramgaokar, Tierarzt und Vizechef der Forstbehörde

Da Hunde in Indien immer wieder die tödliche Tollwut übertragen, glauben manche, Leoparden seien nützlich, um das Übertragungsrisiko auf Menschen zu reduzieren. Immerhin starben allein in Mumbai in zwei Jahrzehnten mindestens 420 Menschen an Tollwut nach Hundebissen. Tatsächlich hat man herausgefunden, dass es deutlich weniger Streuner nahe dem Wald gibt als in anderen Bezirken – dank der Leoparden. Doch der Vizechef der Forstbehörde, Jitendra Ramgaokar, warnt davor, daraus allzu kühne Schlüsse zu ziehen. «Wir wissen nicht, ob dieses Virus nicht auch irgendwann auf die Raubkatzen überspringt», sagt der Tierarzt. «Wir setzen weiterhin auf die Sterilisation der Hunde, um ihre Zahl zu begrenzen.»

Und wenn Mumbai es irgendwann schaffen sollte, sein Abfallproblem zu beherrschen, würde das die Vermehrung der Hunde wohl am wirksamsten bremsen. Die Leoparden wären dann wieder zurückgeworfen auf das Dickicht des Waldes, mit seinen Hasen, Rehen, Schweinen. Dort müssten sie sich dann das Fast Food wieder abgewöhnen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.11.2018, 06:04 Uhr

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