Prominenter Klimaappell in Bern

Der Chef des UNO-Klimarats mahnt, den Ausstoss von Treibhausgasen möglichst rasch zu senken. Forscher zweifeln am politischen Willen.

«Es ist nicht einfach, Treibhausgase zu reduzieren, aber je früher, desto besser»: Rajendra Pachauri, IPCC-Chef. Foto: Paolo Aguilar (Keystone)

«Es ist nicht einfach, Treibhausgase zu reduzieren, aber je früher, desto besser»: Rajendra Pachauri, IPCC-Chef. Foto: Paolo Aguilar (Keystone)

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Als wollten sie die Botschaft des UNO-­Klimarates IPCC aus erster Hand erfahren: Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter, Politiker und Journalisten. Die Aula der Universität Bern war bis auf den letzten Platz besetzt, zahlreiche Interessenten mussten abgewiesen werden. Seit fünf Jahren ist die Berner Hochschule zuständig für den technischen Support der ­Arbeitsgruppe I des UNO-Klima­rates. Diese befasste sich unter der Co-Leitung des Berner Klimaforschers Thomas ­Stocker mit dem physikalischen Klimazustand der Erde. Nun ist nach den drei Teilberichten auch der Synthese­bericht fertig, der die Erkenntnisse von über 800 Wissenschaftlern destilliert und in ein umfassenden Kompendium zusammenfasst.

Die Resultate sind längst bekannt. Doch aus dem Mund des IPCC-Chefs, dem Inder Rajendra Pachauri, bekommen sie zusätzliches Gewicht: «Es ist nicht einfach, Treibhausgase zu reduzieren, aber je früher, desto besser», erklärt er eine der wichtigsten Botschaften des Klimarates.

In Zahlen heisst das: Die globalen Emissionen der Treibhausgase sollten bis ins Jahr 2050 um 40 bis 70 Prozent sinken, um dann bis zum Jahrhundert­ende den Nullpunkt zu erreichen. Das Ziel ist dabei, eine ökologisch gefährliche Erwärmung um zwei Grad Celsius zu verhindern. Das Wachstum der Weltwirtschaft werde beim Umbau der Infrastruktur zu einer postfossilen Welt nur marginal betroffen sein, glaubt Rajendra Pachauri.

Zweifel am politischen Willen

«Dieser Synthesebericht wird die ­Informationen liefern, wie man Artikel 2 der UNO-Klimarahmenkonvention erfüllen kann», sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Der Artikel verpflichtet die UNO-Vertragsstaaten, alles zu unternehmen, damit die durchschnittliche globale Temperatur auf ­einem Niveau stabil bleibt, das einen für den Menschen gefährlichen Klimawandel verhindert. «Die Politik trägt eine grosse Verantwortung bei den künftigen Verhandlungen um einen neuen Klimavertrag», sagt Stocker.

So sieht es grundsätzlich auch die Schweizer Umweltministerin, Bundesrätin Doris Leuthard. Sie erklärte an der gestrigen IPCC-Präsentation in Bern die Position der Schweiz und deren Massnahmen. Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt, 20 Prozent der Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2020 zu ­reduzieren. Längerfristig wollte sie sich nicht festlegen, aber die Reduktionsziele der EU seien nicht in jedem Fall Orientierungspunkt. Es müssten die Pro-Kopf-Emissionen betrachtet werden, und diese seien in der Schweiz bedeutend tiefer als jene in der Europäischen Union.

Trotz steigendem Klimawissen zweifeln Klimaforscher am politischen Willen, mehr im Klimaschutz zu tun, der auch gestern wieder gefordert wurde. «Es gibt einen riesigen Graben zwischen dem, was die Forschung sagt, und dem, was die Politik macht, und er wird eher noch tiefer», sagt Reto Knutti, TH-Klimaforscher und IPCC-Leadautor. Wissenschaftlich sei zum Beispiel erklärbar, dass das Ziel der Europäischen Union, die Treibhausgase um 40 Prozent bis ins Jahr 2030 zu reduzieren, nicht mit dem 2-Grad-Ziel kompatibel sei, wenn man die gängigen Klimaszenarien und die üblichen Lastenverteilung unter den verschiedenen Staaten berücksichtige.

In einem Monat findet die nächste internationale Klimakonferenz in Lima statt. Dann wird sich zeigen, wie viel der Konsens des UNO-Klimarates den Regierungen wert ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2014, 19:09 Uhr

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