Das Wetter, diese gefährliche Diva

Hochwasser in Amerika, Plustemperaturen auf Spitzbergen, braune Pisten in der Schweiz: Das Wetter spielt zurzeit verrückt. Wenigstens eine gute Nachricht gibt es zu vermelden.

Grün eingefärbt: Die Warmluft reichte gestern bis zum Nordpol hinauf. (Quelle: University of Maine)

Grün eingefärbt: Die Warmluft reichte gestern bis zum Nordpol hinauf. (Quelle: University of Maine)

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Seit 15 Jahren ist Klaus Marquardt Meteorologe. In dieser Zeit hat er schon verschiedenste Wetterphänomene beobachtet. Doch was zurzeit abgehe, sei «komplett schräg»: Das vergangene Halbjahr, der überaus warme Dezember – «die Systematmosphäre ist aus dem Gleichgewicht», sagt Marquardt zu baz.ch/Newsnet.

Ein Blick auf das aktuelle globale Wettergeschehen untermauert diese Aussage. Auf verschiedenen Erdteilen toben zeitgleich verschiedene Unwetter. Eine Übersicht:

Hochwasser in Südamerika

In Paraguay, Brasilien, Argentinien und Uruguay treten durch den anhaltenden Regen die Flüsse über die Ufer. Das führt zur Massenflucht. Die Zahlen sind schwer zu eruieren, doch es darf von weit über 100'000 Menschen ausgegangen werden, die ihre Häuser bisher verlassen mussten. Alleine in Paraguay sind es rund 100'000, in Uruguay rund 17'000, in Argentinien etwa 11'000. Und es ist keine Besserung in Sicht: Laut der Wettervorhersage sollen die Regenfälle in den kommenden Tagen andauern. Die uruguayische Regierung gab Soforthilfen in Höhe von neun Millionen US-Dollar für die Betroffenen in den Departments Salto, Artigas, Paysandú und Rivera frei.

Über 100'000 Menschen mussten bereits fliehen: Hochwasser in Paraguay. (Quelle: BBC/Youtube)

El Niño ist zurück, aber richtig

Die Ursache des Unwetters nennt sich El Niño und liegt Tausende Kilometer westlich. Das Wetterphänomen tritt zyklisch auf und bringt die globalen Luftströme durcheinander. «Es ist vergleichbar mit dem Schmetterlingseffekt», sagt Marquardt. Ein kleines Wetterereignis könne bereits eine grosse Wirkung erzielen: Zeitversetzt und auf globaler Ebene. Zurzeit sind die Auswirkungen in Südamerika sichtbar. Doch El Niño wandert weiter. Forscher rechnen damit, dass die Auswirkungen mehrere Monate zu spüren sind: Im Frühjahr sollen heftige Regenfälle die USA treffen. «Dieser El Niño ist so stark wie kaum einer zuvor», sagt Marquardt.

Höhere Meeresspiegel sind ein Indiz dafür, dass in diesen Regionen die Wassertemperaturen erhöht sind: Wasserhöhen im Pazifik während des El Niño von 1997 und 2015. (Quelle: Nasa)

Die Effekte und Rückkoppelungen des Phänomens sind von der Wissenschaft noch nicht restlos geklärt. Doch als Faustregel gilt: Je wärmer die pazifischen Wassertemperaturen, umso grösser sind die Effekte.

Der Mississippi tritt über

Nach mehrtätigen sintflutartigen Regenfällen hat der Mississippi in St. Louis eine Höhe von knapp 4,5 Metern über der Hochwassergrenze erreicht. Dies ist die zweitschlimmste Flut in der Region seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es kam bisher zu mindestens 20 Todesfällen. Aussergewöhnlich für diese Jahreszeit: Während der Weihnachtsfeiertage fegten in der Mississippi-Region mehrere Wirbelstürme übers Land. «Die Tornadosaison ist eigentlich im Frühling», sagt Marquardt.

Ungewöhnliche Tornados zur Winterzeit. (Quelle: Youtube/NewsReceiver)

Frank flutet Grossbritannien

Auch in Europa breiten sich ungewöhnliche Wetterphänomene aus. Verantwortlich ist der Nordatlantik-Sturm Frank, der Grossbritannien voll erfasst hat. Windböen bis zu 120 Stundenkilometern und heftiger Regen haben gestern vor allem Schottland und Nordirland heimgesucht. Tausende Häuser waren ohne Strom, Strassen und Bahnverbindungen mussten gesperrt werden. Auch Island und Norwegen wurden von der Unwetterfront erfasst, die sich von Nordatlantik unaufhaltsam in Richtung Osten verlagert.

Land unter in Schottland. (Quelle: Youtube)

Es ist bereits die dritte Unwetterfront in Grossbritannien im Dezember. Anfang des Monats tobte zunächst Sturm Desmond, über Weihnachten kam Sturm Eva. Und an der Grosswetterlage wird sich gemäss Marquardt vorerst nichts ändern. «Tiefs rennen von Westen gegen ein Hoch über dem Baltikum an und entladen sich über Grossbritannien.»

Höchsttemperaturen auf Nordhalbkugel

Auf der Nordhalbkugel gibt es derzeit ungewöhnliche Temperaturverhältnisse: Tropisch warme Luft gelangt vom Atlantik bis zum Nordpol und bringt dort Plusgrade. Ein starkes Tiefdruckgebiet lag gestern noch südlich von Island. Durch die Drehbewegung des Tiefs gegen den Uhrzeigersinn werde auf der Ostseite – über dem Atlantik und Nordwesteuropa – sehr rasch warme Luft weit nach Norden verfrachtet, erläutert Marquardt.

Auf Spitzbergen etwa wurden gestern Vormittag plus vier Grad Celsius gemessen, das waren 30 Grad über dem üblichen Niveau. In der Nacht zum Mittwoch sei es in Irland mit 15 Grad ungewöhnlich mild gewesen. Auf der anderen Seite des Tiefs floss kalte Luft aus der Arktis bis weit in den Süden der USA nach New Mexico.

Die warmen Temperaturen lassen das ewige Eis schmelzen: Grönland. (Archivbild: Keystone)

Wenigstens diese Wetterkapriole befindet sich zurzeit auf dem Rückzug: Gemäss dem deutschen Wetterdienst in Hamburg haben sich die erhöhten Temperaturen in der Nordpolarregion heute wieder etwas abgekühlt. Es sei nun etwa minus 15 Grad kalt.

Comeback des Winters?

Auch in der Schweiz dürfte sich das Wetter der Jahreszeit entsprechend anpassen. Das nun seit Wochen anhaltende Hochdruckgebiet soll nun weichen. Spätestens am 2. Januar soll es so weit sein:« In den Schweizer Alpen wird rund 20 Zentimeter Schnee fallen», sagt Marquardt. Dann sollte Folgendes endlich nicht mehr vorkommen:

(mrs)

Erstellt: 31.12.2015, 12:23 Uhr

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