Ein Röhrli-Verbot rettet keinem Wal das Leben

Aktivisten wollen in der Schweiz ein Verbot gewisser Plastik-Produkte zum Schutz der Meere. Das ist sinnlose Symbolpolitik.

Rund 90 Prozent des weltweiten Plastikmülls wird über nur zehn Flüsse in die Weltmeere gespült. Dieses Bild stammt aus Mumbai (Indien), aufgenommen im März 2017.

Rund 90 Prozent des weltweiten Plastikmülls wird über nur zehn Flüsse in die Weltmeere gespült. Dieses Bild stammt aus Mumbai (Indien), aufgenommen im März 2017. Bild: Keystone

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Am vergangenen Wochenende versammelten sich Aktivisten in zahlreichen Schweizer Filialen von Coop und Migros zum vorwurfsvollen Auspacken von Lebensmitteln. «Plastic Attack» nannte sich die Aktion. Die Aktivisten wollten die Einkaufenden dazu bewegen, das Verpackungsmaterial in den Läden zurückzulassen. Der Erfolg war zumindest in Basel im Migros Dreispitz bescheiden, wie eine Aktivistin auf Facebook freimütig zugibt. Nicht viele hätten sich getraut, den Plastik zurückzulassen und die eingekauften Waren unverpackt mitzunehmen, schreibt sie.

Hintergrund der Aktion ist die Verschmutzung der Weltmeere. Im Südpazifik schwimmen je nach Quelle bis zu 79'000 Tonnen Plastikmüll, der immer häufiger in die maritime Nahrungskette gelangt. Wale, Schildkröten und viele weitere Meeresbewohner sterben daran. Das ist schrecklich. Befeuert durch zahlreiche herzzerreissende Bilder von verendeten Meeressäugern will die EU eine Reihe von Plastikprodukten verbieten. Hiesige «Plastic-Attack»-Aktivisten wollen, dass die Schweiz nachzieht und beispielsweise Röhrli und Einwegbesteck verbietet. Zum Schutz der Meere.

Das Problem an der ganzen Sache ist nur: Es nützt nichts. Denn weder Europa und erst recht nicht die Schweiz sind wesentlich an der Vermüllung der Weltmeere beteiligt. Es sind nicht die Plastikröhrli aus Basel, die Wale ersticken lassen. Der überwiegende Teil, rund 90 Prozent des Plastikmülls, wird über nur zehn Flüsse in die Weltmeere gespült. Allesamt liegen sie in Asien (8) und Afrika (2). Dies haben Forscher des deutschen Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung im Jahr 2017 berechnet. Europa und Nordamerika sind zusammen für weniger als fünf Prozent des Müllbergs verantwortlich.

Die Reifen sind ein Problem

Ein überwiegender Teil des Plastiks, der aus Europa und Nordamerika in die Meere gelangt, resultiert nicht aus unsachgemäss entsorgten Abfällen, sondern ist primärer Mikroplastik. Drei Viertel dieser Kleinstteile stammen nicht aus der industriellen und gewerblichen Produktion, sondern wird von den Haushalten emittiert, wie 2017 eine Studie der Weltnaturschutzunion IUCN berechnete. Rund zwei Drittel dieses Mikroplastiks stammen vom Abrieb von Reifen und Strassen sowie von ausgewaschenen synthetischen Kleiderfasern. Der Rest kommt von Kosmetika, Duschmitteln, Reinigungsmitteln und Ähnlichem.

Es sei hier gesagt: Wenn Detailhändler in Zukunft darauf verzichten, Bananen oder Kokosnüsse unsinnig in Plastik zu verpacken, und mehr Geld in die Erforschung von biologischen Verpackungsmaterialien fliesst, ist dies nur zu begrüssen. Ein Verbot von Einwegbesteck oder Röhrli in Europa rettet hingegen keinem einzigen Wal das Leben. Aber es ist offenbar einfacher, der europäischen Bevölkerung ein schlechtes Gewissen zu machen, als die wahren Schuldigen anzuprangern. Polemische Symbolpolitik, die nicht zielführend ist, ist jedoch abzulehnen. Die Lösung des Problems ist in Afrika und vor allem in Asien zu finden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.06.2018, 11:55 Uhr

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