Evolutionslehre, Kuckucke und eigenständiges Denken

Ein Armutszeugnis: Immer mehr Politiker und Eiferer möchten die Evolutionslehre und nachfolgende wissenschaftliche Konzepte nicht mehr an der Schule gelehrt haben.

Naturwissenschaftliche Fächer sollten mehr gefördert werden.

Naturwissenschaftliche Fächer sollten mehr gefördert werden. Bild: Jérôme Depierre

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Mein ehemaliger Biologielehrer am Gymnasium Ernst Hufschmid faszinierte meine MitschülerInnen und mich früh für Biologie und biologische Kreisläufe. Alle um einen Tisch sitzend und ohne grosse Hilfsmittel, ein Bleistift und Schreibblock genügte, forderte er uns bis aufs Letzte. Ein abschweifender Blick, schon gar nicht zu reden von Kaugummis, aber auch eine Antwort ohne nachzudenken wie «Ich weiss es nicht», strafte er energisch ab.

Während Prüfungen vertraute er uns und verliess das Klassenzimmer. Er forderte und förderte eigenständiges Denken. So erarbeiteten und diskutierten wir neue, spannende Erkenntnisse der Biologie. Mal waren es Pflanzen, mal Tiere, mal der Mensch und nie war es reine Wissensvermittlung. Lapidar sagte er wissend, dass einige von uns Medizin studieren würden: «Knochennamen lernt ihr noch früh genug, ihr müsst denken und fragen!» Wie recht hatte er!

Jetzt begegnen wir immer mehr Politikern und Eiferern, so aktuell Erdogan in der Türkei, die die Evolutionslehre und nachfolgende wissenschaftliche Konzepte nicht mehr an der Schule – oder gar nicht mehr – gelehrt haben möchten oder den Unterricht darüber gar verbieten. Ein Armutszeugnis! «Intelligent design», das heisst der intelligente Entwurf, die intelligente Gestaltung des Universums und des Lebens durch einen intelligenten Urheber, entsprechen autoritären Vorstellungen da schon eher.

Das Staunen wird mit dem ständig neuen Wissen über Lebensprozesse grösser.

Charles Darwin beschrieb 1858, dass die Entwicklung des Lebens ein Prozess ist, in dem neuartige Lebewesen durch zufällige Variation und Selektion dieser Varianten zustande kommen. Heute würde es zwar der Wissenschaftlichkeit widersprechen, die Evolutionslehre genau in der Fassung von Darwin zu lehren, aber das Konzept von Variation und Selektion hat sich bestätigt. Es ist jedoch wesentlich erweitert worden. Nicht nur Genmaterial ist für die Evolution des Lebens über unvorstellbar viele Generationen verantwortlich, sondern auch das An- und Abschalten von Genen, unter anderem bedingt durch das Erleben. Auch Prozesse im Proteinstoffwechsel spielen eine wesentliche Rolle.

Das Staunen wird mit dem ständig neuen Wissen über Lebensprozesse grösser: Über das Geschehen vom Urknall zu den Wasserstoffatomen vor zirka fünf Milliarden Jahren, dem Entstehen von Leben auf der Erde vor geschätzten 3,8 Milliarden Jahren, der Entwicklung von Atomen zu einfachen Lebewesen wie Viren und Bakterien und schliesslich der Entwicklung von altertümlichen Säugetierarten zum Menschen. Zum Beispiel wurden Retroviren, ähnlich wie HIV, vor zirka 40 Millionen Jahren in damalige Lebewesen aufgenommen und haben Teile der Placenta kodiert und somit die Entwicklung zum Menschen gebahnt. Und die Erkenntnis und der Sinn, dass jeder von uns in seinem Körper mit zirka 10 hoch 14 Bakterien und 1000 Bakterienarten im Gleichgewicht zusammen lebt, sind am Erforschtwerden.

die besten Forscher in ihren Gebieten können den Gesamtzusammenhang nicht annährend erfassen.

Der 2015 verstorbene, brillante Biochemiker und Denker Gottfried Schatz schrieb in seinem stimulierenden Buch «Urknall, Sternenasche und ein Fragezeichen: Essays zu Kultur und Wissenschaft», dass biologische Erkenntnisse, die erleben lassen, wie unglaublich wundersam das Zusammenspiel der Kreatur ist, uns auffordern, dafür zu sorgen, dass es unseren Mitmenschen gut geht. Vieles begreifen wir nicht und die besten Forscher in ihren Gebieten können den Gesamtzusammenhang nicht annährend erfassen.

Rabbiner Jonathan Sacks aus England meint, der Mensch sei keine lineare Fortsetzung der Evolution, da er fähig ist zu Kunst, Literatur, Musik, Lehre und Lernen im Begegnen mit den Mitmenschen. Fragen um Zufall und Sinn bleiben auch bei aller Wissenschaft.

Ich kann mich an einzelne Schulstunden von Ernst Hufschmid fast plastisch erinnern, zum Beispiel wenn er das Revierverhalten von Kuckucken vorspielte. An der Faszination für Biologie und Leben hat sich seit Hufschmids prägenden Stunden nichts geändert. Er hat uns Jugendliche ernst genommen und uns gelehrt, Mut zu finden, Fragen zu stellen und vor allem ohne verordnete Scheuklappen zu denken. Danke! (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.08.2017, 13:17 Uhr

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