Jetzt rauben wir den Wildtieren auch noch den Tag

Der Mensch stört den Tagesrhythmus von Wildtieren – mit weitreichenden Folgen. Die Gründe.

Wildschwein auf der Suche nach Nahrung in der Nähe von Barcelona: In Siedlungsgebieten sind sie vor allem in der Nacht aktiv.

Wildschwein auf der Suche nach Nahrung in der Nähe von Barcelona: In Siedlungsgebieten sind sie vor allem in der Nacht aktiv. Bild: Laurent Geslin

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Der Mensch hat einschneidende Auswirkungen auf die Wildtiere und beeinflusst sogar deren Tagesrhythmus. Dies haben Forscher um Kaitlyn Gaynor von der Universität von Kalifornien in Berkeley in einer heute veröffentlichten Science-Studie gezeigt.

Demnach werden immer mehr Tiere aus Furcht vor dem Kontakt mit Menschen nachtaktiv. Die Wissenschaftler haben Studien über das Verhalten von 62 Säugetierarten in Europa, Afrika, Asien, Australien sowie Nord- und Südamerika ausgewertet.

Die Tiere waren mit GPS-Sendern ausgerüstet oder ihre Bewegungen wurden mit Kameras erfasst. Solcherart untersuchten die Wissenschaftler die nächtliche Aktivität in Gebieten, wo Menschen und Wildtiere den Lebensraum teilen mussten, und verglichen sie mit mehrheitlich menschenleeren Lebensräumen.

«Alle Tierarten reagierten stark auf die menschlichen Aktivitäten», sagt die Hauptautorin Kaitlyn Gaynor gegenüber der amerikanischen Forschungsgesellschaft Smithsonian. «Sogar Raubtiere, die normalerweise kaum Furcht zeigen, haben die Menschen extra gemieden.»

Dachs auf einem Friedhof in Süd-London. (Foto: Laurent Geslin)

Afrikanische Elefanten zum Beispiel legten den Weg zwischen zwei Wasserstellen in den Nachtstunden zurück, wenn dieser durch eine Gegend führte, die von Menschen bewirtschaftet wurde. Die grauen Riesen lernten so, mögliche Konfrontationen zu vermeiden.

Einen besonders starken Einfluss hatte der Mensch auch auf Malaienbären in Indonesien, auch Sonnenbären genannt. Sie wechselten in besiedelten Lebensräumen von einer ursprünglichen Nachtaktivität von 19 Prozent auf über 90 Prozent.

Nicht die Jagd, sondern Landwirtschaft, Verkehr und Freizeitaktivitäten wie Wandern haben grossen Einfluss.

Bei den Leoparden in Gabun stieg die Rate von 43 Prozent auf 93 Prozent, vor allem aus Furcht vor Jägern. Ein anderes Beispiel sind Wildschweine, die in natürlichen Wäldern eine nächtliche Aktivitätsrate von 43 Prozent haben, in städtischen Räumen aber bis zu 90 Prozent.

Die Forscher analysierten auch, welche menschlichen Aktivitäten den grössten Einfluss auf die Tiere hatten. Die Auswirkungen der Jagd sind eher gering, Landwirtschaft, Verkehr und Freizeitaktivitäten wie Wandern dagegen haben grösseren Einfluss, am stärksten sind jedoch die Folgen der städtischen Entwicklung, also die Einengung des Lebensraumes.

Ein europäischer Biber mitten in der Stadt Orléans in Frankreich. (Foto: Laurent Geslin)

Die Verschiebung ihrer Aktivitäten in die dunkle Tageszeit gewährt den Tieren einen gewissen Schutz, schreiben die Forscher. Allerdings gibt es einige negative Folgen: Zum Beispiel sinkt bei einigen Tieren die Fortpflanzungsrate. Bei ursprünglich tagaktiven Raubtieren hat sich der Beuteerfolg und damit ihre Fitness vermindert. Langfristig drohen ganze Ökosysteme aus dem Ruder zu laufen.

Wildtiere sind die grossen Verlierer der Menschheitsgeschichte

Dass es den Wildtieren seit dem Aufkommen des Menschen ganz allgemein an den Kragen geht, haben andere Forscher in einer Studie gezeigt. Sie haben die Verteilung der Biomasse auf der Erde berechnet und konnten zeigen, dass Wildtiere die grossen Verlierer sind.

Seit der Mensch Haustiere züchtet, hat der Bestand der Wildtiere dramatisch abgenommen. (Foto: AFP/Tony Karumba)

Die Forscher um Ron Milo haben dazu die Veränderungen der Biomasse der wild lebenden Säugetiere vor und nach dem Auftauchen der Menschen berechnet. Resultat ihrer im Fachjournal «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS) erschienen Studie: Die totale Biomasse von wild lebenden Säugetieren verringerte sich um fast das Siebenfache von 0,04 Gigatonnen auf 0,007 Gigatonnen.

Schuld daran ist vor allem das grosse Massenaussterben von Tierarten nach der Ausbreitung des Menschen vor etwa 50'000 Jahren bis vor 3000 Jahren. Heute leben – berechnet nach der Biomasse – 10-mal mehr Menschen (0,06 Gigatonnen) als Wildtiere auf der Erde und sogar über 20-mal mehr Haustiere (0,1 Gigatonnen). (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.06.2018, 20:17 Uhr

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