Warum Cordon-bleus vor Publikum anders flirten

Vögel sind sozusagen Modell für Paarbindungen. Immerhin 90 Prozent aller Vogelarten gehen solche ein und haben allerlei Rituale, wie sie die festigen können.

Der Blaukopf-Schmetterlingsfink mit wissenschaftlichem Namen Uraeginthus cyanocephalus.

Der Blaukopf-Schmetterlingsfink mit wissenschaftlichem Namen Uraeginthus cyanocephalus. Bild: Fotocommunity

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Wenn im Folgenden hier von Blue-capped Cordon-bleus erzählt wird, dann werden die Nichtvegetarier unter den Lesenden auf ihren inneren Schirm gleich das Bild eines mit Käse gefüllten dünnen Schnitzels projizieren und es mit blauer Sosse übergiessen. Cordon-bleu ist aber hier der Name eines Prachtfinken, auf Deutsch eines Blaukopf-Schmetterlingsfinks mit wissenschaftlichem Namen Uraeginthus cyanocephalus. Von Käse keine Rede.

Leider leben die wie blau übergossen erscheinenden Vögel nicht bei uns, sondern in Ost-Afrika. Denn sowohl das Männchen als das Weibchen würden auch hier gefallen, oben blau, am Rücken und Bauch hellbraun gefärbt. Die Weibchen sind allerdings weniger blau als die Männchen, was ja nicht wirklich überrascht. Zu der gleichen Gattung der Blauastrilden gehören andere wunderschöne Vögel.

Unser Blaukopf hat besonders interessante Balzweisen. Er und sie werben in allerliebster Weise umeinander. Sitzt so ein Paar in den Versuchskäfigen des Max-Planck-Instituts für Ornithologie im oberbayrischen Seewiesen auf der gleichen Stange, so verfällt das Männchen in ein gar anmutiges Verhalten. Es knickt seinen Schwanz in Richtung des Weibchens, damit das auch weiss, wem die folgende Präsentation gewidmet ist, und hüpft dann, Baumaterial im Schnabel, auf und nieder, um gleichzeitig ein prächtig Lied zu singen.

Filmt man das Ganze mit einer Hochleistungskamera und lässt den Film langsam laufen, sieht man, dass das Männchen einen echten Tap-Dance vollführt, dem das Weibchen anscheinend mit Kennermiene zusieht. Und anders als oft unter den Vögeln ist es hier nicht das Männchen allein, das angestrengt balzen muss, um sich der schlicht gekleidet zuschauenden Dame zur Wahl zu stellen. Bei den Blaukopf-Schmetterlingsfinken hebt auch das Weibchen die Füsschen und bleibt im Singen dem Manne nichts schuldig.

Aber das ist nicht alles: Was Nao Ota und Masayo Gota von der Hokkaido Universität im japanischen Sapporo an den bei Manfred Gahr in Seewiesen untergebrachten afrikanischen Finken untersuchen wollten, war die Frage, ob und wie sich das Werben gestaltet, wenn jemand aus der eigenen Art zusieht, der oder die selbst in ähnlichen Rollen auftreten könnte, als Werbende(r) oder Umworbene(r).

Gibt es hier einen Publikumseffekt und passt sich das Verhalten an, je nachdem, wer sich da auch noch rumtreibt? Atlantic-Molly-Männchen stoppen ihr Werben um die Bevorzugte, wenn Konkurrenten da sind, um nicht auf ihre Braut aufmerksam zu machen. Poecilia mexicana ist allerdings ein Fisch. Männchen des Kanarienvogels Serinus canaria hören wiederum auf, mit fremden Damen zu flirten, wenn die eigene anwesend ist. Andere führen die Konkurrenz gar gezielt irre.

«Multimodales» Werben – mit Tanzen und Singen – zeigen zum Beispiel auch Drosselstelze, Albatrosse, Kraniche und Flamingos. Meist vermutet man, dass es die Bindung des Paares stärke. Ganz unbeobachtet können die Cordon-bleus gar auf nur einen Modus zurückfallen und das Tanzen oder das Singen ruhen lassen. Nicht aber, wenn jemand aus der gleichen Art und gar vom andern Geschlecht zusieht. Dann wird – mit geknicktem Schwanz sichtbar adressiert an den Partner – das volle Programm gespielt (siehe unter www.bit.ly/Blaukopf), wird in Science Advances berichtet. Erstautorin Nao Ota glaubt, dass damit gezeigt werden soll, wie es mit den beiden steht. Möglich aber, dass da auch ein Eindruck darüber vermittelt wird, was die Zuschauenden haben könnten, falls da mal ein Seitensprung infrage käme, wie er auch unter Blauastrilden vorkommen könnte.

Vögel sind sozusagen Modell für Paarbindungen. Immerhin 90 Prozent aller Vogelarten gehen solche ein und haben allerlei Rituale, wie sie die festigen können. Ein guter Grund, warum der forschende Mensch den gefiederten Mitbewohnern so aufmerksam beim Hüpfen, Tappen und Singen zusieht und zuhört. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.10.2018, 16:04 Uhr

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