«Wir sollten das Ozonproblem nicht vergessen»

Den Sommersmog gebe es noch immer, mahnt Klimaexperte Urs Neu. Sofortmassnahmen – wie etwa die Anordnung von Tempo 80 auf Autobahnen – hätten hingegen «praktisch keinen Effekt» auf die Ozonbelastung.

Weniger ist nicht mehr. Die Idee, der Sommersmog verschwinde, wenn man weniger Auto fährt, ist zu relativieren.

Weniger ist nicht mehr. Die Idee, der Sommersmog verschwinde, wenn man weniger Auto fährt, ist zu relativieren. Bild: Keystone

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BaZ: Urs Neu, wir erleben erneut heisse Tage. Früher warnten Behörden und Medien im Hochsommer jeweils in drastischen Worten vor dem Reizgas Ozon. Dieses Jahr aber hört man fast nichts. Gibt es den Sommersmog noch?
Urs Neu: Durchaus. Die Schadstoffe Kohlenwasserstoffe und Stickoxide, aus denen sich an heissen Tagen Ozon bildet, sind allerdings in den letzten Jahrzehnten relativ stark zurückgegangen, seit Mitte der 1980er-Jahre etwa um 70 beziehungsweise 60 Prozent.

Die Ozonbelastung machte aber nicht vor Jahrzehnten grosse Schlagzeilen, sondern noch bis vor Kurzem. Wie hat sich die Situation entwickelt, wenn man weniger weit zurückblickt?
Die erwähnten Vorläufersubstanzen haben auch in den letzten zehn Jahren weiter abgenommen. Bei der Belastung durch Ozon war der Rückgang aber in der Tat relativ bescheiden. Einen Erfolg gibt es: bei den höchsten Belastungswerten, die zum Teil doppelt so hoch wie der Stundengrenzwert von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft lagen. Solche Spitzenwerte sind in den letzten Jahren kaum mehr erreicht worden. Das zeigt sich insbesondere auch in der Südschweiz, wo jeweils oft besonders hohe Ozonwerte erzielt worden sind.

Dennoch: Bei der Ozonbelastung hat sich insgesamt nicht viel verändert. Und das, obwohl die Luftverschmutzung stetig zurückgeht.
Tatsächlich ist der Rückgang der Ozonbelastung geringer als der der erwähnten Vorläuferschadstoffe. Der Zusammenhang ist eben nicht eins-zu-eins. Zudem gibt es andere Einflüsse: Verfrachtungen von Schadstoffen und von Ozon über Länder und sogar ganze Kontinente hinweg beeinflussen die Belastung auch bei uns ein Stück weit. Bemerkenswert ist etwa, dass die Hintergrundkonzentration von Ozon in der Höhe, wie man sie etwa auf dem Jungfraujoch misst, bis etwa Ende der 1990er-Jahre angestiegen ist und erst seither allmählich etwas abnimmt. Dafür sind massgeblich Ozonverfrachtungen aus Südostasien entscheidend, die sich via Pazifik und Amerika auch bei uns bemerkbar machen.

Früher galt als sicher: Am Ozonproblem ist unsere eigene Luftverschmutzung schuld. Gilt das nicht mehr?
Doch, ein Stück weit schon noch. Vor allem bei den hohen Werten an heissen Tagen tragen lokal erzeugte Schadstoffe erheblich zu Ozonspitzen bei. Es handelt sich dann meist um meteorologische Situationen mit wenig Wind, bei denen die Schadstoffe nicht zwischen Regionen oder Ländern ausgetauscht werden.

Aber insgesamt muss man sagen: Der Einfluss des Auslands zur Ozonkonzentration ist beträchtlich.
Das ist so, vor allem bei der Durchschnittsbelastung und der Anzahl Überschreitungen des Stundengrenzwertes. Der Ferntransport der Vorläufersubstanzen Kohlenwasserstoffe und Stickoxide und auch von Ozon selber, zum Teil um den halben Globus, beeinflusst die Ozonwerte auch bei uns wesentlich.

Können wir denn überhaupt etwas tun gegen zu viel Ozon in der Luft?
Grundsätzlich schon, allerdings ist der Aufwand gross. Man müsste die Luftverschmutzung nochmals deutlich absenken, um einen spürbaren Effekt zu erreichen. Insbesondere bei den Stickoxiden gibt es noch viel Potenzial. Um Sommersmog-Lagen kurzfristig zu entschärfen, bräuchte es hingegen starke Massnahmen.

Welche?
Wenn wir an Sofortmassnahmen denken, müsste man etwa den motorisierten Verkehr sehr stark einschränken. Auch die Emissionen der Industrie müssten drastisch reduziert werden – und das in Grossregionen wie dem Mittelland. Ob ein solches Vorgehen angesichts der Ozonkonzentrationen, die wir heute noch haben, verhältnismässig wäre, ist fraglich. Die Ozonkonzentrationen erreichen heute kaum Werte, die kurzfristig zu starken Gesundheitsproblemen führen. Sie können aber bei Leuten, die sensibel auf Ozon reagieren, zu Problemen und Beschwerden führen.

Autofahren wäre dann also während Tagen oder vielleicht sogar Wochen sozusagen verboten, und die Industrie müsste man faktisch stilllegen.
Man müsste diejenigen Aktivitäten, die zu Stickoxidemissionen führen, auf das Allernotwendigste beschränken. Darum setzt man heute beim Ozonproblem kaum mehr auf Sofortmassnahmen. Erfolgversprechender ist, langfristig die Emission von Stickoxiden weiter zu reduzieren. Bei den Kohlenwasserstoffen ist eine weitere Reduktion schwieriger, da diese auch natürlich erzeugt werden, vor allem auch bei hohen Temperaturen.

Aber angesichts des internationalen Einflusses, den Sie angesprochen haben: Kann man mit weniger Luftverschmutzung bei uns tatsächlich etwas erreichen bezüglich Ozon?
Bei den Spitzenwerten ist wahrscheinlich eine weitere Senkung möglich, die Einhaltung des Stundengrenzwertes ist hingegen schwierig. Den Ausstoss von Stickoxiden zu reduzieren, ist aber grundsätzlich sinnvoll, da diese die Gesundheit auch ganz direkt negativ beeinflussen. Eine tiefere Ozonkonzentration könnte da allenfalls ein Zusatznutzen sein. Da die Ozonbildung aber auch stark von den Temperaturen abhängen, könnte die Klimaerwärmung das Problem umgekehrt wieder verschärfen. Die Erderwärmung zu bekämpfen, wäre in dem Sinn auch eine Massnahme gegen zu viel Ozon – wenn auch unbestritten eine, die nur sehr langfristig wirkt.

Vor etwa zehn Jahren führten gewisse Kantone jeweils mit grossem Brimborium Tempo 80 auf ihren Autobahnen ein – als Massnahmen gegen zu viel Ozon. Dann war solche Aktionen viel Lärm um nichts?
Man konnte damals die Wirkung solcher Massnahmen zu wenig gut abschätzen. Es zeigte sich dann aber relativ bald, dass solche Tempobegrenzungen allein praktisch keinen Effekt haben. Entsprechend kam man wieder davon ab.
Früher wurde vor sportlichen Aktivitäten bei hoher Ozonkonzentration gewarnt. Ist meine Gesundheit in Gefahr, wenn ich an einem heissen Sommernachmittag joggen gehe?
So allgemein kann man das nicht sagen. Wer sensibel darauf reagiert, kann aber sicher Beschwerden entwickeln. Hohe Ozonwerte werden vor allem am Ende längerer Schönwetterperioden erreicht. Und die Tageszeit der höchsten Konzentration ist ortsabhängig, auf dem Land ist das eher am Nachmittag, in Städten häufig erst am Abend nach dem Abendverkehr. Und wie erwähnt: Die sehr hohen Ozonkonzentrationen, wie es sie früher gab, werden heute kaum mehr erreicht.

Das Thema Ozon ist aus den Schlagzeilen verschwunden, obwohl das Problem weiterbesteht. Woran liegt das?
Vermutlich daran, dass Ozon kaum akute Gesundheitsprobleme verursacht – anders etwa als eine hohe Feinstaubbelastung im Winter. Und sicher haben die Medien das Interesse am Thema etwas verloren, weil die immer gleichen Warnungen irgendwann keine Aufmerksamkeit mehr erzeugen. Vergessen sollte man das Ozonproblem deshalb aber nicht.

Urs Neu ist stellvertretender Geschäftsführer bei ProClim, einem Forum der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Der Klimatologe und Meteorologe hat unter anderem die Entstehung und Ausbreitung von Ozon in der Schweiz wissenschaftlich untersucht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.07.2018, 23:36 Uhr

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