Das autonome Auto

Die Grenzen sprengen

Jedes Jahr überrascht die Denkwerkstatt Rinspeed aus Zumikon mit einem neuen, etwas verrückten Konzeptauto. Frank M. Rinderknecht verkauft seine Traumwagen nie, aber er will zum Träumen anregen.

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Ein Auto, das schwimmt, ein Auto, das auf Tragflügeln über dem Wasser fliegt, ein Auto, das wie ein Unterseeboot taucht – Frank M. Rinderknecht hat das alles schon gebaut. Und das ist bei weitem nicht alles: So hat er etwa einen extraleichten Einplätzer, ein Spassmobil für sonnige Strände, einen Huckepackanhänger für den kleinen Smart, Motorboote, ein Helikopterdesign und ein futuristisches Interieur für Verkehrsflugzeuge entworfen. Rinderknecht scheinen die Ideen für spektakuläre Vehikel nie auszugehen. Erstaunlich ist, dass er mit einer Handvoll Mitarbeiter Fahrzeuge verwirklicht, die auch tatsächlich funktionieren und nicht nur Designmuster sind, wie viele der sogenannten Concept Cars, die an Ausstellungen gezeigt werden.

Dass seine Kreationen wirklich fahr-, schwimm- oder tauchtauglich sind, ist Rinderknecht wichtig. In Serie gehen sie nie, sie sind nicht einmal als Einzelstücke käuflich. «Ich will nicht den Autoherstellern Konkurrenz machen», sagt der Entwickler, der sich selber als «Enabler» bezeichnet, als einen, der Dinge ermöglicht, die zuvor niemand konstruiert hat. Die Leute zum Denken anregen über neue Möglichkeiten des Verkehrs, das ist seine Absicht.

Lieferant für die Zulieferer

Es gebe durchaus Interessenten, die etwa für einen seiner schwimmfähigen Sportwagen viel Geld zahlen würden, aber dann müsste die Firma Rinspeed, die Rinderknecht gehört, auch Service- und Garantiearbeiten sicherstellen. «Dazu sind wir zu klein, also lassen wir das bleiben», sagt der Chef. Aus dem gleichen Grund lässt Rinderknecht keine seiner Ideen patentieren. «Patente sind sehr teuer und müssen überwacht werden. Und ob wir als KMU im Streitfall gegen einen der grossen Autokonzerne mit ihrem Heer von Juristen ankämen, ist höchst ungewiss.» Dass einige von ihm erstmals angewandte technische Lösungen ein paar Jahre später Allgemeingut werden, verschafft dem Patron keine Tantiemen, aber Befriedigung.

Er plant lieber Neues, mit dem er Grenzen sprengen kann. Zum 36. Mal ist das Unternehmen dieses Jahr am Autosalon von Genf vertreten, meistens unter der Rubrik Weltneuheiten. Rinderknecht kennt die halbe Fachwelt und die halbe Fachwelt kennt ihn. Letztes Jahr stellte er ein platzsparendes Stadtfahrzeug namens Micromax zur Diskussion, welches das gesamte Verkehrssystem verändern könnte. Dieses Jahr ist das Thema das autonome Fahren. Rinspeed zeigt, wie der Innenraum eines Autos in Zukunft gestaltet wird, wenn der Computer das Lenkrad und die Gas- und Bremspedale ersetzt.

Anfang in der Garage

Angefangen hatte Frank M. Rinderknecht in seiner 1977 gegründeten Garage mit Tuning. Er machte gute Autos mit umfangreichen technischen Eingriffen noch besser, so wie es die Kunden wünschten. Irgendwann fand er, da könne er ja gerade so gut ein ganzes Auto bauen. Seine Spezialanfertigungen und Kleinserien fanden Anklang, doch um seine ganz kühnen Visionen zu verwirklichen, wandte er sich dem Bau von Prototypen und Einzelstücken zu. Jedes Jahr am Autosalon hat er nun seinen grossen Auftritt.

Natürlich bestehen auch seine Fahrzeuge – wie diejenigen der Industrie – zum grössten Teil aus Elementen der spezialisierten Zulieferer. Rinspeed bietet diesen die Möglichkeit, der Fachwelt ihre Neuheiten attraktiv an einem auffallenden Auto zu zeigen. Das wirkt besser, als wenn ein Zulieferteil in einer nüchternen Vitrine ausgestellt wird. Die Unternehmen, von denen viele in der Schweiz und Deutschland zu Hause sind, benützen Rinderknechts Showbühne gerne. Sie sind es denn auch, die das Budget bestreiten – für die Entwicklung einer Rinspeed-Neuheit braucht es jeweils eine siebenstellige Summe.

Die Fahrzeuge kommen nach den Präsentationen kaum mehr zum Einsatz. Zwar wurden mit dem tauchenden Sportwagen, der in jedem James-Bond-Film eine perfekte Figur machen würde, kürzlich Filmaufnahmen gemacht. «In Spanien», sagt Frank M. Rinderknecht, «im Zürichsee sieht man ja nichts.» Doch solche Einsätze sind mit einem enormen logistischen Aufwand verbunden und deshalb die Ausnahme. Besichtigt werden können die technischen Wunderwerke dagegen schon, denn alle sind noch vorhanden. Für das Publikum zugänglich sind einige der Modelle im «Autobau», dem umfangreichen Privatmuseum des Thurgauer Industriellen und Autosammlers Fredy Lienhard in Romanshorn.

Arbeiten wie im Schnellzug

Dass Frank M. Rinderknecht jedes Jahr mit einer Neuheit am Autosalon einen Blickfang liefert, schreibt er auch seinen Beratern, Mitarbeitern und Zulieferern zu. «Im Kernteam hat jeder seine Aufgabe, aber stets das Ganze im Auge», lobt er. Alle arbeiten am gesetzten Thema mit. Für die Ausgabe 2014 lautet dieses, ein Auto zu entwerfen, in dem sich eine Fahrt ganz anders anfühlt als bisher.

«Leistung oder Tempo sind keine Argumente mehr», sagt Rinderknecht. Für den Verkehr der Zukunft lägen die Prioritäten beim Komfort, bei der Effizienz und bei der Sicherheit. Im autonom fahrenden Auto sei die Reisezeit nicht verloren, dank vollkommener Vernetzung lasse sich das Auto auch unterwegs als Erholungs- oder als Arbeitsraum nutzen. Dabei lasse sich der Strassenraum erst noch besser ausnutzen und die Sicherheit garantieren. «Das Auto wird so auch auf langen Strecken wieder konkurrenzfähig zum Schnellzug und die gewünschte Privatsphäre bleibt trotzdem erhalten.»

Und wo bleibt der viel beschworene Fahrspass? Bei einer Passfahrt über den Julier mit seinem geschätzten Porsche-Oldtimer werde er sich nie von einem Computersystem chauffieren lassen, sagt Rinderknecht. Bei der Autobahnfahrt nach Genf hingegen schon, ebenso wie beim Stopp-and-Go im Stadtverkehr. In zehn oder zwanzig Jahren soll man seinem Auto den Befehl erteilen können: «Fahre zu Rinspeed in Zumikon!» Dann wird man sich zurücklehnen, seine E-Mails lesen, an einer Telefonkonferenz teilnehmen oder die Online-News verfolgen, während die Mitreisenden einen Film schauen und das Auto zuverlässig automatisch den Weg findet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2014, 11:54 Uhr

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