Der GAU von Fukushima

Fälschen und Vertuschen

Der Journalist Tomohiro Suzuki arbeitete im Sommer inkognito als Aufräumer im havarierten Atomkraftwerk Fukushima I. Dabei erlebte er, wie hilflos Behörden und AKW-Betreiber agierten.

Mehrere Aufräumer wurden offenbar von der japanischen Mafia angeheuert: Ein Arbeiter wartet in einem Nebengebäude in Fukushima auf seinen Einsatz.

Mehrere Aufräumer wurden offenbar von der japanischen Mafia angeheuert: Ein Arbeiter wartet in einem Nebengebäude in Fukushima auf seinen Einsatz. Bild: Reuters

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«Es gibt keine Fortschritte. Toshiba und Hitachi, die beiden involvierten Firmen, haben zwar gute Ideen, reden aber nicht miteinander. Und die Regierung versucht, Geld zu sparen.» Zu diesem Schluss kommt Tomohiro Suzuki, einer der wenigen Investigativjournalisten Japans. Im Sommer arbeitete er etwa sechs Wochen lang inkognito im havarierten AKW Fukushima I. Was er dort erlebte, passt ins Bild der Schlamperei, die der Regierung und der Betreiberfirma Tepco vorgeworfen wird.

Die meisten Arbeiter in Japans Kernkraftwerken werden nicht von den Betreiberfirmen beschäftigt, sondern von Subunternehmen. In den ersten Tagen nach dem Unfall suchten diese «Leute, die bereit sind zu sterben», wie Suzuki weiss. Viele dieser Arbeitsvermittler seien mit der Yakuza verbandelt, der japanischen Mafia. Unter den sogenannten Fukushima-50, den Arbeitern, die in der schlimmsten Zeit im Kraftwerk ausharrten und Japan damit vor einer noch schlimmeren Katastrophe bewahrten, seien drei von der Yakuza angeheuerte Arbeiter gewesen. Auch Suzuki liess sich im Juli von einem Subunternehmen anheuern. Zuvor jobbte er einige Wochen auf Baustellen, um sich an den Umgang zu gewöhnen. Zwei Firmen hätten ihn abgelehnt. Das dritte Unternehmen nahm ihn, obwohl er sich unter dem eigenen Namen beworben hatte. «Die suchen verzweifelt Leute», erzählt er im Gespräch mit dem TA. Bis zu seiner Enttarnung Mitte August arbeitete er in Fukushima I als Aufräumer. Aufgeflogen sei er, weil er bei den Schulungen, bei denen alle andern schliefen, eifrig Notizen machte. Das war fünf Monate nach der Katastrophe.

Ahnungslose Ingenieure

Blenden wir zurück: Am 11. März um 14.46 Uhr erschüttert ein Erdbeben den Nordwesten Japans, das in dieser Stärke in dieser Region noch nie gemessen wurde. Im AKW Fukushima I arbeiten zur Zeit des Erdbebens etwa 500 Leute. In den fensterlosen Reaktorgebäuden geht das Licht aus, das Erdbeben hat die Stromzufuhr gekappt, Gerüste fallen um, viele Einrichtungen werden beschädigt. Die Arbeiter fliehen.

Die strengen Sicherheitsauflagen, die Japan den AKW für den Fall eines Erdbebens macht, gelten nur für die Reaktoren selbst. Nebenanlagen müssen bloss jenen Vorschriften genügen, die auch für Fabrikbetriebe gelten. Atomkraftwerke schalten sich im Falle eines Erdbebens automatisch ab. Das hat bei den Reaktoren 1, 2 und 3 funktioniert. Die Blöcke 4, 5 und 6 waren zur Zeit des Bebens nicht in Betrieb.

Doch das Erdbeben löst einen gigantischen Tsunami aus. Um 15.27 Uhr überrollt eine erste Flutwelle das AKW, um 15.46 eine zweite. Ihre Wellenhöhe wurde auf bis 14 Meter geschätzt. Das Wasser zerstört die Diesel-Notstromaggregate. Damit können die Reaktoren nicht mehr gekühlt werden. Wie der Zwischenbericht einer Untersuchungskommission später feststellte, war die Betreiberin Tepco überhaupt nicht auf einen Atomunfall vorbereitet. Die Ingenieure vor Ort wissen nicht, wie die Notkühlsysteme funktionieren. Sie machen Fehler und verschlimmern die Lage. Noch in der Nacht erlässt die Regierung in Tokio die erste Evakuierungsorder. Wer näher als 3 Kilometer vom AKW wohnt, muss fliehen. Die Sperrzone wird später auf 10 und dann auf 20 Kilometer Radius ausgedehnt. Tokio leistet keinerlei Hilfe zur Evakuierung.

Völlige Hilflosigkeit

Am Tag nach dem Erdbeben sagt Koichiro Nakamura, Sprecher der Agentur für Nuklearsicherheit Nisa, der Kern von Reaktor 1 sei vermutlich geschmolzen. Obwohl er das mit seinen Vorgesetzten abgesprochen hatte, ist dies seine letzte Pressekonferenz. In der Folge weisen Tepco und Nisa Fragen nach der Kernschmelze entrüstet zurück, obwohl die radioaktiven Isotope klar darauf hindeuten. Binnen vier Tagen kommt es in den Reaktorgebäuden zu vier Wasserstoffexplosionen. Tepco verliert jegliche Kontrolle. Am fünften Tag sagt die Betreiberin der Regierung, sie werde ihre Leute zurückziehen und die geschmolzenen Reaktoren sich selbst überlassen. Da sind die ständigen Nisa-Experten vor Ort längst geflohen. Premier Naoto Kan formt einen Krisenstab der Regierung mit Tepco. Im Kabinett herrscht Angst, wie man später erfährt. Es beginnt über eine Evakuation der 35 Millionen Menschen im Grossraum Tokio nachzudenken. Am sechsten Tag sprüht das japanische Militär Wasser zur Kühlung der Reaktoren aus einem Helikopter. Ohne jeden Erfolg. Die Bilder der TV-Aufnahmen zeigen der Welt eine völlige Hilflosigkeit.

Erst drei Monate später wird Japan die drei Kernschmelzen zugeben. Manche Experten glauben, der Reaktor sei bereits durch das Erdbeben beschädigt worden. Tepco behauptet, die Kernschmelze sei eine Folge des Stromausfalls. Die staatliche Untersuchungskommission erklärt, das lasse sich erst beurteilen, wenn man den Reaktor öffnen könne. Also in 20 bis 25 Jahren.

Dosimeter in Socken versteckt

Die Regierung habe die dreifache Kernschmelze von Anfang an unterschätzt und heruntergespielt, sagt Undercover-Journalist Tomohiro Suzuki. Einige Ämter, etwa die der Agentur Nisa übergeordnete Kommission für Nuklearsicherheit (NSC), hätten überdies der Regierung Informationen vorenthalten. «Speedi» nennen die Japaner eine Computersimulation, mit der man detaillierte Verstrahlungskarten errechnen kann. Das tat die Kommission, sie gab die Resultate aber nicht weiter. So sind Leute aus den Dörfern hinter dem AKW in Gemeinden geflohen, die stärker verstrahlt waren, obwohl diese weiter von Fukushima I entfernt liegen. «Die Verstrahlungsprotokolle der Arbeiter, die in den ersten Wochen in Fukushima I im Einsatz waren, sind alle hinterher fabriziert worden», hat Suzuki zudem von seinen Kollegen im AKW erfahren. Damit erkläre sich die angeblich geringe Strahlendosis, welche die Arbeiter abbekommen haben sollen. «Die Arbeiter sind ohne Dosimeter im Einsatz gewesen.» Das tun sie zuweilen laut Suzuki noch heute. Manche Jobs seien sonst gar nicht zu machen, die Grenzwerte würden erreicht, bevor man fertig sei. Oder das Dosimeter werde in einer Socke versteckt oder umgedreht, damit es geringere Werte zeige. Da die Yakuza-Beteiligung und die gefälschten Verstrahlungsprotokolle die Subunternehmen betreffen, kann Tepco behaupten, damit nichts zu tun zu haben.

Verschleppte Studien

Suzuki bezweifelt heute, dass die drei Reaktorkerne stabil seien. «Die Rohre, die für die Notkühlanlagen verwendet wurden, genügen nicht dem AKW-Standard. Sie wurden nicht verschweisst, sondern in aller Eile zusammengezwängt, oft mit Gewalt. Da muss es zu Lecks kommen, vor allem im eisigen Winter von Fukushima», sagt Suzuki. Die Regierung mache dem Volk – und womöglich sich selbst – etwas vor, glaubt der Journalist.

Dazu passt auch die verschleppte Studie zur Sicherheit vor Tsunamis. Vier Tage vor dem fatalen Erdbeben schickte die AKW-Betreiberin Tepco die Ergebnisse einer Untersuchung an die Agentur für Nuklearsicherheit. Darin steht, das Risiko eines Tsunami von 10,2 Meter Wellenhöhe sei in Fukushima erheblich. Das AKW war nur für Tsunamis von 5,7 Meter Höhe ausgelegt. Die Studie war bereits 2008 abgeschlossen worden, aber Tepco hatte es offensichtlich nicht eilig, Geld für neue Sicherheitsvorkehrungen zu investieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.12.2011, 17:08 Uhr

Tomohiko Suzuki (Bild: PD)

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