Gress: «Das ist eine Frechheit»

Die französische WM-Kampagne wird immer mehr zu einem Waterloo. Das skandalöse Benehmen der Profis der «Equipe tricolore» erntet harsche Kritik, auch bei Experte Gilbert Gress.

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Gress ist ein Kenner des französischen Fussballs. Der ehemalige Coach der Schweizer Nationalmannschaft und auch Trainer von französischen Klubs wie Metz oder Racing Strassburg hat gegenüber Radio DRS deutliche Worte gewählt, nachdem «Les Bleus» ein Training in Südafrika bestreikt haben und Anelka wegen unflätiger Worte gegenüber Trainer Raymond Domenech nach Hause geschickt worden ist. «Ich muss Ihnen sagen, dass die französischen Spieler dumme Leute und verwöhnt sind. Das ganze Verhalten ist eine Frechheit», erklärt Gress.

Der Elsässer erklärt sich das ungebührliche Benehmen der gut bezahlten Spieler mit einem Phänomen in Frankreichs Gesellschaft. «Ich bin nicht überrascht. Viele Spieler einer gewissen Generation kommen aus den Banlieues, sie sprechen die Sprache der Cité. Sie haben gelernt, wie man einen Ball stoppt oder weiterspielt. Sie verdienen viel Geld. Aber sie haben nicht gelernt, was Respekt im Leben bedeutet. Menschlich haben sie keine Fortschritte erzielt. Das Verhalten der Spieler in Südafrika ist ein Spiegelbild der Probleme in der französischen Gesellschaft», meint Gress, der einst als Trainer von Metz mit einem Teil der Profis diesbezüglich Schwierigkeiten hatte.

Die Fehler von Domenech

Gress bemängelt aber nicht nur die fehlenden charakterlichen Eigenschaften dieses Kaders. Obwohl ein guter Freund von Domenech, macht Gress dem Coach auch Vorwürfe. «Acht Tage vor der WM hat er das System gewechselt. Er hat diese Probleme wie gesucht und sich in eine schwierige Situation gebracht. Er trägt auch Schuld am bisherigen Abschneiden.» Dazu muss man wissen, dass schon im Mai bekannt wurde, dass der ungeliebte Domenech nach dem Turnier von Laurent Blanc als Personalchef abgelöst würde – eine ungünstige Konstellation.

Gress weist darauf hin, dass sich die Equipe mit den missglückten Auftritten auf und neben dem Platz in der Heimat die Sympathien verscherzt hat. «Gemäss einer Umfrage wollen 75 Prozent der Franzosen, dass ihre Mannschaft nicht weiterkommt», weiss Gress. Dabei sei ja die Achtelfinal-Qualifikation für Frankreich theoretisch noch möglich. «Aber mit diesen grossen Problemen käme ein Weiterkommen einem Wunder gleich», glaubt der Fussball-Experte.

Anelka in Paris eingetroffen

Auch bei den Gästen vom Sonntagabend im TV-Studio von Leutschenbach konnten ehemalige Fussballer das Verhalten der französischen Spieler nicht nachvollziehen. Der Brasilianer Ratinho, einst mit Kaiserslautern Deutscher Meister, fand das Gebaren der Profis «eine Katastrophe». Stéphane Chapuisat differenzierte: «Den Ausschluss von Anelka aus dem WM-Camp finde ich ein bisschen hart. Man hätte intern eine Lösung anstreben sollen. Aber im Zusammenhang mit dieser Mannschaft ist schon im Vorfeld so vieles kaputtgegangen.»

Anelka, der Trainer Domenech aufs Übelste beschimpft hatte, ist in London eingetroffen. Allerdings nicht inkognito, wie sich das der Chelsea-Stürmer gewünscht hätte. Er wurde von Fotografen und Journalisten erkannt – die Medienvertreter sind gnadenlos, nicht nur mit «Frechdachs» Anelka, sondern mit der gesamten Mannschaft. Und die Equipe kann sich, sollte sie tatsächlich in der Gruppenphase scheitern, bei ihrer Ankunft in Paris auf einiges Ungemach gefasst machen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2010, 13:08 Uhr

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Scharfe Kritik: Gilbert Gress hat Erklärungen für die Skandale rund um Frankreichs Nationalmannschaft. (Bild: Keystone )

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