«Unscheinbare, freundliche und schlaue Person»

Der Brandstifter von Elgg habe sich bei seinen Taten laufend gesteigert, sagte der Staatsanwalt vor dem Winterthurer Bezirksgericht. «Uns war klar, dass es bald Opfer geben könnte.»

Steht heute vor Gericht: Der 26-Jährige, der in Elgg über 30 Brände gelegt haben soll.
Video: Keystone

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Der Verteidiger des Elgger Feuerteufels forderte heute vor dem Winterthurer Bezirksgericht maximal 18 Monate Freiheitsstrafe für den 26-Jährigen. Diese soll zugunsten einer ambulanten Therapie aufgeschoben werden. Der Angeklagte befindet sich bereits seit mehreren Monaten in einer ambulanten Massnahme.

Der Mann, der zwischen November 2010 und Januar 2012 für dreissig Brände in Elgg verantwortlich sein soll, hat nur 19 davon gestanden. Für elf Fälle will er nicht verantwortlich sein, darunter die Brandstiftungen an den Liegenschaften mit den grossen Schäden wie beispielsweise an der Reithalle, beim Stallgebäude, bei einer Jagdhütte oder an einer Tankstelle.

Dagegen gibt er zu, unzählige Male Holzbeigen im Wald angezündet zu haben. Es müsse ein zweiter Brandstifter in Elgg sein Unwesen treiben, gab er vor dem Bezirksgericht Winterthur an. Der Richter wollte darum vom Angeklagten wissen, wie es komme, dass die Brandserie mit seiner Verhaftung endete. Er könne sich das nicht erklären, erwiderte der 26-Jährige.

«Unscheinbare, freundliche aber schlaue Person»

Staatsanwalt Martin Wyss tat denn auch diese Angaben als Schutzbehauptung ab. Es sei undenkbar, dass ein zweiter Täter zeitgleich beginne Feuer zu legen und just mit der Verhaftung des Angeklagten wieder damit aufhöre. Der 26-Jährige sei eine «unscheinbare, freundliche aber schlaue Person», die eine «erhebliche kriminelle Energie» an den Tag lege. So habe der Autoersatzteil-Logistiker stets nur soviel zugegeben, wie ihm die Untersuchungsbehörden nachweisen konnten. Der Angeklagte habe nur jene Tatvorwürfe gestanden, bei welchen die Polizei DNA-Spuren sicherstellen konnte. Bei den grösseren Bränden, hätten die Flammen aber sämtliche Spuren zerstört und genau diese Fälle streite der 26-Jährige ab – dies obschon er für die entsprechenden Tatzeiten kein Alibi habe.

Der Angeklagte habe nicht zwanghaft gehandelt und sei deshalb kein Pyromane, er habe aber stets gewusst, was er tat. «Er versetzte kaltblütig ein ganzes Dorf in Angst», plädierte Wyss. Sein Verhalten habe für die Polizei einen riesigen Aufwand zur Folge gehabt, zweitweise seien zehn Polizisten im Dorf zugegen gewesen und es hätte bei einigen Fällen Opfer geben können.

Löschte die selbstgelegten Brände

Dem Feuerteufel ging es um den Adrenalinkick. Das sagte er am Mittwochvormittag vor dem Winterthurer Bezirksgericht. Die Taten hätten ihm dabei als Ventil gedient. Damit machte er seiner Frustration und Überforderung im Job Luft. «Nachdem ich das Feuer gelegt hatte, ging es mir besser», gab er an.

Weil er damals als freiwilliger Feuerwehrmann tätig war, rückte er bei mindestens vier Fällen später aus, um die selbst entfachten Flammen zu löschen. Darum sei es ihm aber nie gegangen, das Feuer habe ihn nie interessiert. Der Mann gab an, später seine Tat jeweils bereut zu haben.

Schaden von mehr als einer halben Million Franken

Seine Arbeit als Autoersatzteil-Logistiker habe ihm zwar gefallen, sein Arbeitgeber übertrug ihm aber nach seinem Gusto zu viel Verantwortung. Zudem stelle er zu hohe Ansprüche an sich selbst, führte der 26-Jährige aus. Der Mann wurde im Januar 2012 in Gewahrsam genommen und verblieb bis im Mai in Haft. Wie er vor Gericht sagte, hat er seit August 2012 seine Stelle beim selben Arbeitgeber wieder angetreten.

Gelegt hat der Angeklagte die Brände jeweils in der Ortschaft Elgg – wo er bis zu seiner Verhaftung am 25. Januar 2012 wohnte – oder in der nahen Umgebung. Verletzt wurde dabei niemand. Der Gesamtschaden beläuft sich auf über eine halbe Million Franken, wobei die Brandstiftung an der Reithalle Elgg mit 450'000 Franken zu Buche schlägt. Die Halle musste vollständig abgerissen werden. Dass der Gesamtschaden nicht höher liegt, ist einerseits dem schnellen Einsatz der Feuerwehr zu verdanken, andererseits erlosch in einigen Fällen das Feuer von selbst.

Staatsanwalt will fünf Jahre Haft

Die Kantonspolizei Zürich konnte den Brandstifter mithilfe eines freiwilligen DNA-Tests bei den Mitgliedern der örtlichen Feuerwehr überführen. Der Schweizer war aktives Mitglied der Feuerwehr Eulachtal. Er hatte teilweise mitgeholfen, die selber gelegten Brände zu löschen.

Der Staatsanwalt fordert für den Beschuldigten wegen mehrfacher, teilweise versuchter Brandstiftung eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren verbunden mit einer ambulanten Therapie. Der Beschuldigte habe jeweils ein Brandbeschleunigungsmittel benutzt oder Zeitungspapier an einer geeigneten Stelle angebracht und es dann angezündet, heisst es in der Anklageschrift.

Für die psychologischen Gutachter steht ausser Zweifel, dass ohne ambulante Therapie eine Rückfallgefahr bestehe. Sie attestieren dem Angeklagten zwar volle Schuldfähigkeit, diagnostizieren aber eine kombinierte Persönlichkeitsstörung. Sein Charakter sei von Unsicherheit geprägt.

Profiler traf ins Schwarze

Das Profil eines brandstiftenden Feuerwehrmannes hatte der deutsche Sicherheitsfachwirt Frank D. Stolt aufgrund seiner langjährigen Erfahrung wie folgt beschrieben: «Anfang bis Mitte zwanzig, männlich, kein Migrationshintergrund, mittlere bis unterdurchschnittliche schulische und berufliche Leistungen, Probleme mit der Akzeptanz durch andere, grosses Engagement in der Feuerwehr, graue Maus.» Und: Es seien fast ausschliesslich Angehörige freiwilliger Feuerwehren.

Der Angeklagte ist männlich, Schweizer, 26-jährig, arbeitet in einem KMU-Betrieb in Winterthur als Mitarbeiter im Ersatzteillager, war vor seiner Verhaftung fünf Jahre lang in der freiwilligen Feuerwehr Eulachtal aktiv und hätte eigentlich Berufsfeuerwehrmann werden wollen. Er wird von Bekannten und Kollegen als ruhig und eher zurückgezogen beschrieben; nie hätte man ihm eine solche Tat zugeschrieben.

Der 26-Jährige und seine Eltern wohnten bis vor rund vier Jahren in einem anderen Teil des 4000-Seelen-Dorfes: direkt gegenüber der Reithalle, die am 18. November 2011 angezündet wurde. Dabei entstand ein Schaden von mehreren Hunderttausend Franken. Es war die folgenschwerste Brandstiftung in der ganzen Serie. Eine ehemalige Nachbarin am alten Wohnort sagte, dass sie geheult habe, als sie von seiner Verhaftung gehört habe: «Es war ein flotter und lieber Kerl, mir tun vor allem seine Eltern leid.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2013, 16:54 Uhr

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Der Feuerteufel von Elgg

Der Feuerteufel von Elgg Im Dorf Elgg trieb ein Feuerwehrmann zwischen November 2010 und Januar 2012 sein Unwesen. Dreissig mal soll er zugeschlagen haben.

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