«Beruhig dich!» – So streiten sich Lotsen und Piloten

Wie angespannt ist das Verhältnis zwischen Piloten und Lotsen? «Normalerweise gar nicht», sagen sie. Doch immer wieder liegen die Nerven blank.

«Ich habe die Schnauze voll»: Die Aufzeichnung des Funkgesprächs. Video: Tamedia

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«Es isch eifach wieder mal zum Chotze da z Züri!» – der Ausraster des Piloten eines Swiss-Flugs am vergangenen Sonntag zieht seine Kreise. Der Pilot hat seinem Ärger über die wiederholte Verschiebung seines Abflugs am Flughafen Zürich lauthals Luft verschafft. Die Funkfrequenz kann von jedermann im Internet mitgehört werden. Die Swiss spricht von einem Einzelfall und hat angekündigt, mit dem Piloten das Gespräch zu suchen. Die Airline betont, dass die Zusammenarbeit mit den Flugsicherungsbehörden normalerweise sehr gut sei.

«Beruhig dich, Captain Happy»

Tonaufnahmen auf Youtube, die vor allem aus Amerika stammen, zeigen allerdings, dass sich Piloten und Lotsen nicht selten in die Haare kriegen. In einem Video von 2016 erkundigt sich etwa ein Pilot im Anflug beim Lotsen am John-Wayne-Flughafen in Los Angeles über die Flughöhe. «Ich habe keine Zeit, Ihnen das Händchen zu halten», antwortet ihm der Fluglotse.

In einer anderen Sequenz befindet sich ein Pilot im Anflug auf Atlanta. Es gibt ein Missverständnis über die vorgesehene Landebahn. «Ich mag Ihre Attitüde nicht», herrscht der Pilot den Lotsen per Funk an. «Da war keine Attitüde, ich versuchte nur, Sie zu korrigieren. Das ist mein Job», antwortete ihm der Fluglotse. «Wir sind auf der falschen Landebahn, weil Sie uns nicht gesagt haben, wie wir dahin kommen sollen», sagt der Pilot. «Versuchen Sie doch das nächste Mal, das zu tun.» Dann schaltet sich ein weiterer Pilot ein: «Beruhig dich, Captain Happy.» In einer weiteren Tonspur fallen Fluchwörter, die nicht publiziert werden können.

Piloten unter grossem Stress

Ist der Umgangston zwischen Piloten und Lotsen per se sehr ruppig? «Nein», sagt Tobias Mattle, der Pressesprecher des Schweizer Pilotenverbandes Aeropers. «Die Reaktion des Swiss-Piloten zeigt aber den Stress, dem sie ausgesetzt sind», sagt er. Die Reaktion sei menschlich nachvollziehbar, der Funk aber nicht der richtige Ort dafür.

Die Piloten und die Kabinencrew würden die Unzufriedenheit der Passagiere über Verspätungen am direktesten zu spüren bekommen, erklärt Mattle. «Es ist nicht angenehm, den ganzen Tag damit zuzubringen, Verspätungen aufzuholen.» Der Feierabend verschiebe sich natürlich ebenfalls nach hinten. Eine Pilotenschicht kann bis zu 13 Stunden dauern.

Auch die Flugsicherungsfirma Skyguide spricht von einem Einzelfall: «Die Zusammenarbeit zwischen Cockpit und Fluglotsen ist grundsätzlich sehr gut», sagt Sprecher Vladi Barrosa. «Es handelt sich um einen Einzelfall, bei dem sich unsere Lotsin völlig professionell verhalten und Ruhe bewahrt hat», betont er. Tatsächlich komme der Flughafen Zürich aber in Spitzenzeiten an seine Kapazitätsgrenze – bei ungebrochener Nachfrage. Alle Flughafenpartner müssten sehr eng zusammenarbeiten, um trotz der geltenden Rahmenbedingungen das bestmögliche System zu betreiben.

Flughafen Zürich anfällig für Verspätungen

Dem pflichtet auch der Pilotenverband bei. Der Flughafen Zürich sei speziell anfällig für Verspätungen, ähnlich wie der Flughafen Frankfurt, erklärt Tobias Mattle. «Die Bedingungen in Zürich sind sehr restriktiv», sagt er. Lärmschutzmassnahmen schränken den Betrieb ein, lang fällige Pistenverlängerungen würden durch Rekurse blockiert. «Den Piloten wäre geholfen, wenn der Flughafen die Kapazität ausbauen und dadurch Verspätungen reduzieren könnte», sagt Mattle. Er sieht vor allem die Politik in der Pflicht: «Die Massnahmen im Sachplan Infrastruktur Luftfahrt des Bundes müssen angepasst und schneller umgesetzt werden.»

Diesen Sommer haben auch die vielen Gewitter zu den Verspätungen beigetragen. Dem Swiss-Pilot droht nach dem Vorfall zwar ein Gespräch mit dem Vorgesetzten, vor einer Kündigung muss er sich gemäss Aeropers aber nicht fürchten. (rar)

Erstellt: 12.10.2018, 14:42 Uhr

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