Der andere Völkermord

In Zürich finden die «Zigeunerkulturtage» statt. Ein neues Buch erinnert an die Verbrechen der Nazis, die Hunderttausende von Roma umgebracht haben.

Zilli Reichmann gelang es, aus Auschwitz zu fliehen. Ihre Tochter und ihre Eltern starben.<br />Foto: Heiko Haumann

Zilli Reichmann gelang es, aus Auschwitz zu fliehen. Ihre Tochter und ihre Eltern starben.
Foto: Heiko Haumann

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Was heisst «Porajmos»? Während jeder weiss, was Holocaust bedeutet, ist der Begriff, mit dem Sinti und Roma den an ihnen begangenen Völkermord bezeichnen und der «das Verschlingen» heisst, so gut wie unbekannt. Auch die Literatur zu diesem Teil der NS-Verbrechen ist recht spärlich.

Das hat vielerlei Gründe. Der wirkmächtigste ist, dass die versuchte Ausrottung der europäischen ­Juden jede andere Untat überschattet. Ein anderer Grund liegt darin, dass Sinti und Roma von jeher und bis heute am Rand der Gesellschaft leben – gezwungenermassen oder auch gewollt. Weil ihnen Möglichkeiten, Willen oder Kenntnisse fehlen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten, gibt es nur wenige Zeugnisse ihres Leids. Auch die Medien und Wissenschaften haben sich selten des Themas angenommen.

Kontinuierliche Diskriminierung

Zu den Ausnahmen gehört Heiko Haumann, emeritierter Osteuropahistoriker der Uni Basel. Er beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte der Verfolgung der Sinti, unter denen vor allem die deutschsprachigen Roma (der Überbegriff) zu verstehen sind. Im Rahmen seiner Forschungen zum Kommunisten Hermann Dimanski, der in Auschwitz als «Lagerältester» im sogenannten Zigeunerlager eingesetzt war, stiess Haumann auf Zilli Reichmann. Die 1924 geborene Sintiza hat Auschwitz überlebt und wohnt heute in Mannheim.

Ihr hat Heiko Haumann nun eine Biografie gewidmet, die viel mehr umfasst als Zilli Reichmanns Leben. Um ihr und das Schicksal ihrer Leidensgefährten zu erklären, greift Haumann weit in die Geschichte der Sinti zurück. Diese ist gezeichnet von dauernder Diskriminierung bis hin zur Verfolgung durch die Behörden (während sich besonders die Landbevölkerung mit den wandernden Zigeunern oft gut verstand und man wechselseitig profitierte).

Das Erschütternde an diesem Rückblick ist die Kontinuität. So konnten die Nazis auf den «Zigeuner-Akten» aus der Weimarer Republik aufbauen und die bundesrepublikanischen Behörden auf jenen der Nazis – noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Sprache, Mentalität – alles blieb unverändert. Die «Zigeunerregister» wurden erst in den 80ern dem Bundesarchiv übergeben.

Die Schweiz und ihr Umgang mit Jenischen, den Haumann auch streift, passte zu diesem Zeitgeist. Ausführlich zitiert er den nach Deutschland emigrierten Schweizer Psychiater und Rassehygieniker Ernst Rüdin (1874–1952), einen der «Vordenker» der Nazis. Schon 1904 schrieb er, beim Menschen sei eine «scharfe Auslese notwendig». Rüdin verknüpfte «asozial», «schädlich» und «minderwertig» – also die Eigenschaften, die den «Zigeunern» zugeschrieben wurden – mit der Forderung nach «Ausmerze». Und schon früh arbeitete die Schweiz polizeilich eng mit Deutschland zusammen: Es ging um das gemeinsame Registrieren, Einschränken und Kontrollieren der Fahrenden.

Hunger, Krankheit, Mord

Am Beispiel Zilli Reichmanns zeigt Haumann das Leben einer Sinti-Familie, der es vor der Machtergreifung der Nazis besser ging als anderen. Erspart blieb ihnen etwa, dass die Kinder getrennt wurden, wie das häufig geschah. Die Reichmanns lebten im Grunde bieder-bürgerlich, mit dem einen grossen Unterschied des Umherziehens und der ­damit verbundenen Schwierigkeit eines normalen Schulbesuchs. Man wollte seine Kultur leben und sich zugleich integrieren. Man war Schausteller oder Musiker, Kesselflicker oder Scherenschleifer und lebte zwischen Diskriminierung und Romantisierung. Das Wanderkino der Reichmanns war in den Dörfern willkommen, nur die Behörden machten immer wieder Schwierigkeiten. Trotzdem erinnert sich Zilli Reichmann gern an die Kindheit und die Geborgenheit in der Grossfamilie.

Als die Nazis an die Macht kamen, knüpften sie nahtlos an die Weimarer Jahre und noch frühere «Vorarbeit» an. Damals lebten in Deutschland etwa 15 000 Sinti und Roma, 0,02 Prozent der Gesamtbevölkerung. Viele wurden schon in den ersten Jahren ghettoartig in Grossstädten zwangsangesiedelt. Zilli Reichmann war davon nicht erfasst und brachte 1940 noch eine Tochter zur Welt. Doch die Verfolgung trennte danach das Elternpaar.

1942 wurde Zilli Reichmann verhaftet, 1943 mit ihrer Tochter und vielen Familienangehörigen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Detailliert beschreibt Haumann den Alltag im «Zigeunerlager», basierend auf Reichmanns Zeugnis und zahlreichen anderen Quellen. Das Los dieser Häftlinge war jenem der Juden vergleichbar: grausame Qualen, Hunger, Krankheit, Mord durch Erschlagen oder in der Gaskammer. Auch Zilli Reichmanns Beispiel zeigt, dass man nur dank viel Glück, unerwarteter Hilfe oder Zufall überlebte. Insgesamt sind mutmasslich mehrere Hunderttausend Roma und Sinti ermordet worden; genauere Zahlen fehlen.

Rund 5000 deutsche Sinti und Roma haben den Porajmos überlebt – unter ihnen Zilli Reichmann. Sie war aus Auschwitz verlegt worden, im Februar 1945 gelang ihr die Flucht. Ihre Tochter und Eltern aber mussten zurückbleiben und kamen im Gas um. 1948 heiratete sie ein zweites Mal, und allmählich fand sie ins Leben zurück. Äusserlich zumindest, denn wie viele Überlebende litt auch sie weiter psychisch und physisch unter den Traumata.

Mythos entzaubert

Am Beispiel von Zilli Reichmann lässt sich auch der Mythos entzaubern, Deutschland habe sich vorbildlich seiner Schuld gestellt. Heiko Haumann verschlug es bisweilen die Sprache angesichts des schamlosen Rassismus bis zu den höchsten deutschen Behörden und Gerichten, wo nicht selten NS-Verbrecher wieder auf ihren alten Posten sassen. Noch 1958 waren 33 von 47 leitenden Beamten des Bundeskriminalamts einstige Angehörige der SS. Und so ging auch die Diskriminierung der Sinti nahtlos weiter, in den Akten blieben sie die «Asozialen» und «Arbeitsscheuen». Weil sie in einer viel schwächeren Position als jüdische Überlebende waren, mussten sie noch demütigender um eine Entschädigung kämpfen – auch Zilli Reichmann.

Heute ist die Mehrheit der Sinti sesshaft, seit 1995 erst sind sie offiziell in der Bundesrepublik als ethnische Minderheit anerkannt. Die Vorurteile aber haben bis in unsere Tage überdauert. Es ist ein Verdienst des Buches, an diese beschämenden Fakten nochmals ausführlich zu erinnern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 18:45 Uhr

Heiko Haumann

die Akte Zilli Reichmann. Zur Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt 2016. 358 S., ca. 37 Fr.

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